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Eine Geschichte mit Drachen

Die gähnende Schwärze der Drachenhöhle lag vor Agfar. Er kam nicht umhin bei den herab hängenden Felsen an der klaffenden Gebirgsspalte an eine gigantisches Maul, dass ihn, täte er noch einige Schritte vorwärts, verschlucken würde.

Er nahm seinen Mut, oder das was noch davon übrig war wieder zusammen, griff seinen Speer fester und marschierte los.

Die Luft wurde stickig und roch nach verfaultem Fleisch. Der widerliche süßliche Geruch, der wie eine zähe Flüssigkeit in seine Nase zu laufen schien, raubte ihm fast den Atem. Als die Dunkelheit ihn umfing bereute er es keine Fackel mitgenommen zu haben. Er hatte nicht erwartet, dass die Grotte des Drachen so tief in den Berg hinein führen würde, ja er hatte eigentlich gar nicht vorgehabt hineinzugehen. Irgendwie war bis jetzt alles anders Gelaufen, als er es sich vorgestellt hatte. Man hatte ihn gebeten, das heißt eher angefleht, das Dorf von der Geißel des Drachen, dem man täglich ein Rind bringen musste, um schlimmere Opfer zu vermeiden, zu befreien. Das Angebot war ihm gleich recht verlockend erschienen. Einen Drachen, auch wenn es wie hier nur ein kleinerer sein sollte, brachte hohes Ansehen, wenn auch in diesem Fall keinen Adelstitel wie sonst üblich. Die Tochter des Bürgermeisters gab es, sozusagen als Dreingabe, noch dazu zur Frau. Nun, er musste sich eingestehen, dass sie die einzige war, die ihm an der ganzen Sache gefallen hatte, denn ihm lag kaum etwas daran sich in diesem kleinen Kuhdorf niederzulassen und schon gar nicht gefiel ihm der Gedanke gleich einem giftigen, zehn Schritt langen, Feuer speienden und von Kopf bis zur Schwanzspitze gepanzerten Ungetüm gegenüber zu stehen. Er wusste nicht warum, doch er musste unablässig an irgendwelche langen Giftzähne denken, die sich in irgendwelches Fleisch bohrten denken.

Einem Schleier gleich, der zur Seite geschoben wurde wich die Dunkelheit in dem Stollen vor Agfar einem matten bläulichen Glühen, welches von einer noch nicht sichtbaren Quelle in den Wänden zu kommen schien, erfüllt.

Der Bursche verlangsamte seine Schritte, versuchte das Keuchen seines panischen Atems zu unterdrücken und lugte, an die Wand gepresst um eine Biegung im Gang durch ein gehauenes Tor hindurch.

Was er dort erblickte verschlug ihm den Atem: Das Wurmbett! Daran hatte er gar nicht gedacht, dabei schafften es, so sagte man, auch kleine Provinzdrachen zuweilen ein solches anzulegen, ohne dabei auf unedle Gegenstände, wie alte Pflugscharren, rostige Eimer, Fassringe oder etwas in dieser Art zurückgreifen zu müssen.

Unter einigen in der Felsmauer ruhenden Kristallen, welche das seltsame Licht verbreiteten, lag ein sorgfältig aufgeschichteter Haufen Gold, Silber, Edelsteine.

Agfars Furcht war wie weggeblasen. Hastig stolperte er auf den Schatz zu um ihn zu begutachten und um möglichst viel davon einzustecken, bevor jemand anderes, hatte er nun Schuppen oder nicht darauf Anspruch erheben konnte.

Bei näherer Betrachtung stellte der tapfere Recke fest, dass das Bett weit weniger wertvoll war, als es zuerst den Eindruck erweckt hatte. Vieles war nichts weiter als Kochgeschirr aus Messing oder Kupfer, bunte Glasscherben, Silberbesteck, Bauernsilber und diverse Münzen. Der Drache, der hier sein Versteck hatte, verstand sich offensichtlich gut auf Dekoration, musste jedoch den Geruchssinn für Gold, welcher seiner Rasse normalerweise im Blute liegt offensichtlich völlig verloren haben.

Enttäuscht stocherte Agfar mit seiner Lanze in dem Plunder herum um zu sehen, ob sich nicht doch etwas Lohnendes finden ließ. Schließlich sucht er einen silbernen Ring und einen mit Blattgold verzierten Holzbecher hervor, stopfte sich beides in die Umhängetasche und machte sich auf den Rückweg.

Beinahe wäre er einfach gegen den Drachen, der mittlerweile im Torbogen stand, gelaufen.

Geistesgegenwärtig sprang er zurück, um dem ersten Klauenhieb, der allerdings noch auf sich warten ließ auszuweichen, stellte sich dabei mit seinem Spieß ein Bein und landete scheppernd im Wurmbett. Schmerzerfüllt rieb er sich seine Knochen, schob sich dann, den Speer schützend vor sich gehalten, wieder auf die Beine.

Der Lindwurm war wirklich nicht sonderlich groß, nur etwa doppelt so hoch wie ein Rind, jedoch breiter als drei. Der Kopf, der wie sein restlicher Körper mit Schuppen bedeckt war, die entweder bläulich waren, oder das Licht der Kristalle reflektierten und etwas ergraut wirkten, hätte Agfar stark an den Kopf eines Krokodiles erinnert, hätte er je eines gesehen, jedoch lagen die Augen mehr nach Vorn gerichtet. Lange, kariöse, Zähne ragten oben und unten aus seinem leicht geöffneten Kiefer hervor, als er den eindringlich mit seinen recht trüben Augen anblickte. Bei dem Anblick des Drachens, musste man sich zwangsläufig fragen, wie alt diese Wesen werden konnten, denn dierser, sah nach einem Alter aus, welches nicht einmal so ein mystisches Tier erreichen sollte.

Er riss sein beeindruckendes Maul auf und brüllte Agfar zornig an, brach jedoch dann in einen Hustenanfall aus.

Arrr!“, knurrte das Untier. „Irgendwann musste das wohl kommen. Bringen wirs hinter uns.“

W-was?“, stotterte der Bursche. Es war allgemein bekannt, dass Drachen sprechen konnten, doch das sie damit so unginiert herausplatzten, erstaunte ihn sehr. Er wusste nicht was er nun tun sollte, denn ein Kampf mit dem Drachen war ihm schon als große Herausforderung erschienen, ein Wortgefecht erschien ihm aber noch schlimmer.

Harch!“, fuhr der Drache fort. „Ist doch immer das selbe, nicht? Irgendwann kommt immer der heldenhafte Drachentöter. Wie konnte ich nur denken, dass mich diese Dorftrottel ewig durchfüttern würden. Los, tu was du nicht lassen kannst, ich habe sowieso schon zu lange gelebt.“

Agfar machte keine Anstalten sich zu rühren, und brabelte etwas unverständliches leise vor sich hin.

Das beleidigt mich schon fast!“, donnerte der Lindwurm. „Dass man mich für so schwach hält. Wieso hat man mich dann überhaupt mit den Kühen, und noch dazu so vielen, mehr als ich je essen könnte, angefüttert?“

Der Drachenjäger schaffte es endlich seine Fassung einigermaßen wieder zu erlangen und wagte es etwas zu entgegen.

I-i-ich bin hergeschickt worden -uuuuum-um...“, brachte er heraus.

Spar dir die Mühe!“, erwiderte der alte Drache hilfsbereit. „Es ist mir klar, dass ein junger Spund wie du in einer Drachenhöhle nicht seine Lanze sapzieren führen will.“

Du hast fast alle Rinder des Dorfes gefressen.“, schrie der Junge mutig, bezieungseweise mit Dummheit. „Ich muss die gecknechteten Menschen von deiner Geißel befreien.“ Er hob seinen Spieß an und richtete ihn, grimmig drein blickend auf die Brust des Drachen, welche mit breiteren Schuppen bedeckt war und einen sehr stahlartigen Eindruck machte.

Der Drache brach in ein schepperndes Gelächter aus, worauf Agfar seinen Speer fallen ließ, zurück in den Goldersatzhaufen sprang und seinen Kopf bedeckte.

Alle Rinder gefressen! Wuahaha! Ich wäre doch gar nicht hier geblieben, wenn diese Hinterwäldler mir nicht täglich eine Kuh frei Haus vor die Tür geliefert hätten.“

Agfar blinzelte über einen alten Eimer hinweg. „Wie soll ich das verstehen?“

Der Drache wankte einige Schritte vorwärts und setzte seinen massigen Körper nur einige Handbreit von Agfar entfernt ab.

Ich nur auf der Durchreise, ich wollte in die großen Wüsten im Süden, um dort meine letzten Jahre zu verbringen, ohne mich dauernd von irgendwelchen Menschen ärgern zu lassen,“ , er warf dem sich im Wurmbett verkriechenden Burschen einen scharfen Blick zu. „als ich hier auf das Schf von irgend so einem armen Trottel trat. Daraufhin fing er an zu zehtern und lief fort. Ich suchte mir dann in dieser Höhle einen Schlafplatz, und als ich am Morgen aufwachte, brachte man gerade eine Kuh zum Eingang. Die Menschen flohen gleich, als sie mich sahen, weshalb ich sofort merkte, was gespielt wurde. Natürlich haben sie auch den alten Trick mit dem Brennkalk in den Satteltaschen, die einem den Bauch durchätzen sollen versucht, aber ich habe ihn durchschaut, da eine Kuh normalerweise nicht sehr häufig gesattelt wird. Seit dem hab' ich mich hier niedergelassen und mir auch einen kleinen Schatz, in dem du da liegst besorgt.“

Äh...“, meldete sich Agfar zu Wort.

Sei bloß still!“, fauchte das Schuppenwesen. „Es war schwer genug dieses Zeug zu beschaffen. Wo sollte ich denn hier bitte Gold her bekommen?“

Nein, eigentlich, ich, äh...“

Ach so natürlich zur Sache. Los! Angriff! Los! Ich hatte schon lange keinen richtigen Kampf mehr.“ Der Lindwurm baute sich zu einer beachtlichen größe auf und stieß sich dabei den Kopf an der niedrigen Decke der Höhle an. Agfar sah sich indessen Bedrückt nach dem Aufenthaltsort seines Spießes auf und war keineswegs fröhlicher gestimmt, als er ihn unter dem rechten Hinterbein des Drachen bersten sah.

Als er keine Anstalten machte mit einem heroischen Kampfschrei loszustürmen, senkte der Drache seinen Kopf zu ihm herab und blickte ihn fragend an.

Was gibt's denn jetzt schon wieder?“

Agfar seufzte. An einen Kampf konnte er wohl kaum noch denken, jedoch schien ihm die große Echse sehr vernünftig zu sein. Vielleicht ließ sich ja eine Übereinkunft finden, mit welcher der Drache seine Ruhe hatte und er nicht die Hoffnungen der Dorfbewohner zerstören musste.

Ich kann unmöglich Kämpfen.“, sagte er schließlich. „Nicht nur deshalb, weil ihr auf meine Lanze getreten seid. Ich könnte euch nicht besiegen und ich denke auch nicht, dass ihr mich angreifen müsst. Es gibt hier kaum noch Kühe, wenn ihr noch einige Tage fresst, dann sind alle fort, darum will ich fragen... Nun ja... Könntet ihr nicht einfach weiter ziehen?“

Wenn es nichts mehr zu fressen gibt... Gut, ich sehe, dass ich weiter komme. Man hat mich hier lange genug aufgehalten. Ich hoffe wir sehen uns nicht nochmal.“, sprach der Drache und pustete gegen die Kristalle, woraufhin ihr Licht erlosch. Wie eine zähe Masse drängte die Dunkelheit in den großen Raum.

An dem schweren Donnern welches durch die Höhle hallte konnte Agfar hören, wie der Drache nach draußen stapfte, also tastete auch er sich voran. Als er in die helle Mittagssonne trat, sah er gerade noch, hoch am Himmel ein großes graues Wesen mit kraftvollen Schwingenschlägen hinter den über den Bergen verschwinden.

Drachen mussten wohl ein komplett anderes Gefühl von Heimat haben, denn auch nach Monaten die er hier verbracht hatte, war es ihm nicht schwer gefallen alles hinter sich zu lassen. Agfar zog den Ring aus seiner Tasche, als er den ausgewaschenen Pfad zum Dorf hinunter kletterte.

Irgendwie, fand er, hatte ihm die Tochter des Bürgermeisters gleich so angesehen.

_-=Ende=-_