free hosting   image hosting   hosting reseller   online album   e-shop   famous people 
Free Website Templates
Free Installer

Koalitionen

die 7. Galgenstrickgeschichte

Geschrieben von Felix M. Hummel 2004

Beschwerden, Kritik, Morddrohungen und Hackfleisch an BiosynthG08@gmx.net Alle Charaktere Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeit zu Existentem würde mich nicht wundern. Alle Urheberrechte liegen bei mir. Webseite: www.8ung.at/galgenstrick


Mit einem schnappenden Ton flog das Feuerzeug über den Kronkorken, der daraufhin die gegenüberliegende Wand meines Büros traf und unter den neuen, blank polierten Mahagonischreibtisch. Mit einem entspannten Seufzen ließ ich das Weizen ins Glas fließen und strich mit meinen Gedanken über die vergangenen zwei Wochen.

Wie süß doch Verrat sein konnte, hätte ich mir niemals träumen lassen. Kaum war ich nach Hause gekommen hatte ich das Protokoll des Gesprächs schon niedergeschrieben und war wieder zur Polizei gefahren. Mit ein paar von diesen Grünlingen war ich dann, auf meinem vorsorglich mitgebrachten Laptop, -zumal ich mir sicher war, dass man die Commodore 64 auf der Wache nicht mehr viel hergaben, geschweige denn ihren Posten als Türstopper verlassen konnten- das gesamte Video durchgegangen. Viel gab es nicht her, die schmutzige Serviette war wesentlich ergiebiger gewesen.

Schließlich, an dem angegeben Ort zum angegebenen Datum, einer Adresse in Nürnberg, hatte man einen V-Mann statt meiner Wenigkeit geschickt, während ich im Hintergrund Fotos machte. Der Verbindungsmann war keine zehn Minuten in der Kellerkneipe verschwunden, da erfolgte auch schon der Zugriff. Man führte die Männer und Frauen einen nach dem anderen heraus, ein SoKo hinter jedem. Ich füllte meine Speicherkarte mit den geschockten Terroristen und den schwergerüsteten Polizisten.

Die Titelseite musste natürlich vollkommen umgestaltet werden. Welt- und Deutschlandpolitik konnten wir wirklich nicht brauchen. Eine Sonderausgabe hätte ein falsches Licht auf unsere Zeitung geworfen, als ob wir nur mit dem Strom schwimmen würden. Innerhalb von vierundzwanzig Stunden, mit einer schlaflosen Nacht für alle Mitarbeiter, auf Golchert konnten wir glücklicherweise ohne hin verzichten, war es geschafft.

Wir hatten es zuerst, wie hatten es aus aller erster Hand, wir hatten es vor Bild und es war mein Verdienst.

Ich nahm einen tiefen Schluck aus den langen Glas und seufzte tief. Ich hätte nie gedacht, das Verrat so süß war.

Dabei war es allerdings nicht geblieben, denn es wurde noch besser. Die verhafteten Terroristen sprachen zwar kein Wort und waren durch nichts zum Reden zu bringen, doch stellte man bei restlos allen eine schlecht verheilte, hässlich verschroffte Narbe am linken Unterarm fest, ohne zweifel ein Biss eines infizierten. Die Polizei war der Meinung, dass es sich dabei um ein Aufnahmeritual handeln konnte, das bezwecken sollte, alle Mitglieder der „Kinder der Hyäne“ sofort mit der Seuche in Verbindung zu bringen. Es war jedoch zu bezweifeln, ob diese brachiale Methode die von diesen Verrückten gewünschte Wirkung überhaupt erzielen konnte, hatte man doch bisher nicht herausfinden können, wie der Virus übertragbar war. Ganz nebenbei bemerkt eine Tatsache, die mir große Sorgen bereitete, da mir die Sache mit Frau Golchert gezeigt hatte, dass auch mein Umfeld nicht davor sicher war.

Auf jeden Fall beschloss man dieses Wissen nicht an die Presse weiterzuleiten, dass ich es erfuhr war purer Zufall, da man eine totsichere Methode zur Hand hatte, diese Leute zu erkennen. Polizeistreifen und Verkehrskontrollen wurden sofort angewiesen, bei allen verdächtigen Personen, nach dieser Wunde Ausschau zu halten und identifizierte Terroristen sofort und ohne weitere Befehle zu verhaften. Eine hervorragende Entdeckung, musste ich sagen, denn die Wahrscheinlichkeit unschuldige zu erwischen war gleich null.

Ein weiterer großer Schluck und ich stellte das Glas ab. Ich hatte sehr viel Geld gemacht und meinen Namen kannte die ganze Nation. Wenn man das Ganze auch in ein paar Tagen wieder vergessen würde, so war mir doch mein Platz in den Geschichtsbüchern sicher, etwas auf dem ich mich jetzt ausruhen konnte.

Eben wollte ich mich schon wieder im Sessel vergraben, doch das melodische Klingeln des neuen Telefons heilt mich davon ab. Meine gute Laune immernoch nicht aufgebend hob ich den Hörer ab.

Bevor ich auch nur Grüßen konnte, schallte mir hohe, schnarrende Männerstimme entgegen, die mich unangenehm an diesen einprägsamen Wochenschausprecher aus den dreißiger Jahren erinnerte.“Herr Schleifer, sie befinden sich in großer Gefahr.“

Wieder einer dieser Anrufe, dachte ich. Davon bekam ich fast wöchentlich ein paar, von den Drohbriefen und Email einmal ganz abgesehen. Ich nahm sie alle stets freundlich entgegen und übergab sie später der Polizei.

Ja, sicher.“, stimmte ich, übertrieben fröhlich zu und betätigte den Knopf des Tonbandgerätes. „Ich weiß. Ich habe mich mit den Falschen angelegt und werde nun sehen...“

Nein.“, unterbrach er mich. „Sie haben sich genau mit den Richtigen angelegt, dass war sehr gut. Nur deshalb rufe ich sie an.“

Das war neu. „Was? Keine Drohungen? Worum geht es denn dann?“

Ein Seufzen war in der Leitung zu hören. „Nun, wie gesagt, sie sind in Gefahr. Darum haben wir beschlossen ihnen ein gutes Angebot zu machen, sozusagen als Kompensation für ihre Mühen. Sie haben uns schließlich sehr geholfen.“

Entschuldigung, wer ist „uns“ und „wir“?“, fragte ich misstrauisch und versuchte meiner Stimme einen scharfen Unterton zu verleihen. Ich hatte keine Lust drauf mich mit „ihnen“, also irgendwelchen Pseudoverschwörern oder Sekten einzulassen.

Vielleicht habe ich sie unterschätzt.“, schnaubte mein Gesprächspartner provozierend. „Ich dachte, unseren Aufzeichnungen nach, hätten sie das schon rausbekommen.“

Ein eiskalter Schauer lief mir den Rücken hinunter. „SAPharm!“

Wir haben uns gedacht, dass sie ein bischen Hilfe gebrauchen könnten und da sie nun so etwas wie eine Koryphäe sind, könnten wir auch von ihnen profitieren. Selbstverständlich... nur, wenn sie dies auch wollen.“, fuhr er ohne mich zu bestätigen fort. „Vielleicht sollten sie ersteinmal aus dem Fenster sehen, bevor sie sich ein Urteil bilden. Jetzt, gehen sie.“

Was soll denn das?“, wollte ich wissen.

Schauen sie nach.“

Ich zuckte mit den Schultern, legte den Höhrer beiseite und trat zum Fenster. Dort vor dem Haus auf der anderen Straßenseite. standen vier oder fünf Polizeiwägen mit blinkenden Sirenen stehen. An einigen lehnten noch Beamte, die altmodischen Funkgeräte an die Ohren gepresst unbeobachteten mit gehetzten Gesichtern das Gebäude.

Verständnislos ließ mich wieder in meinen Sessel fallen, lobte die neuen, schalldichten Scheiben und nahm den Hörer wieder auf. „So, was wollten sie damit sagen?“

Nun, denken sie einmal, wenn wir diese Herren dort unten nicht darüber aufgeklärt hätten, dass ein Passant einen Mann mit einem Jagdgewehr in einem dieser Fenster gesehen hat?“

„Sie wollten...?“, stammelte ich erschrocken.

„Nein.“, rief der andere, anscheinend bereits etwas ungeduldig. „Die anderen wollten. Eine gute Demonstration unserer Möglichkeiten und der Gefahr in der sie wirklich schweben, wenn sie mich fragen.“

Ich blieb stumm. Mir war nicht mehr danach viel zu sagen. Trotz der ganzen Drohungen hatte ich keinen Gedanken daran verschwendet, dass man wirklich versuchen könnte ein Attentat auf mich zu verüben. Wie hatte ich nur so blind sein können, schreckten die „Kinder“ doch, wie man in den letzten Wochen in den Nachrichten gesehen hatte, vor nichts zurück. Ich hätte tot sein können.

„Wir schicken ihnen um drei einen Wagen.“, hörte ich noch, dann klickte es in der Leitung.

Die Perspektiven, die sich nun vor mir auftaten waren mit jenen, die ich mir noch vor ein paar Minuten gemacht hatte nicht mehr zu vergleichen. Ich war mir die gesamte Zeit so unnahbar vorgekommen und hatte alles nur für mein Glück gehalten. Wenn ich nun aus dem Fenster blickte, schwirrte alles vor meinen Augen. Ich fühlte mich taub und schwindelig, als ich die Polizeiwägen blinkend im Regen davonfahren sah und daran dachte, wie knapp ich meinem Ende entronnen war. Oder war es das überhaupt? Man hatte es verhindert als ob dies kein Problem gewesen wäre und mich nur nebenbei davon in Kenntnis gesetzt. Wie oft es in letzter Zeit sonst noch...

Ich konnte nicht mehr. Eilig stürzte ich aus dem Zimmer auf die Toilette und erbrach mich mehrere Male.

Den Rest des Vormittags verbrachte ich mit nichts weiter als zu denken. Ein paar Minuten vor drei klingelte das Telefon ein einziges Mal, ich hatte nicht die Möglichkeit es noch zu erreichen. Als ich dann aber aus dem Fenster schaute, verstand ich was gemeint war. Daraufhin verließ ich den Verlag und näherte mich dem weißen Kastenwagen mit getönten Scheiben, der dort vor der Türe stand. Der Fahrer, ein bleicher, hochgeschossener Mann, grüsste mich stumm und bedeutete mir die Hintertür zu benutzen. Das gewöhnliche Äußere des Autos täuschte bei weitem, innen war er mit lederbezogenen Bänken und Holztäfelungen an den Wänden ausgestattet. Vom Fahrer trennte mich eine feste, schwarze Plexiglasscheibe, an welcher eine Gegensprechanlage angebracht war. Niemand war sonst zu sehen.

„Bitte machen sie es sich bequem, die Fahrt wird eine ganze Weile in Anspruch nehmen.“drang eine bekannte Stimme aus dem Lautsprecher. Ich wollte etwas erwidern, doch der Knopf auf meiner Seite der Scheibe schien defekt zu sein, oder war deaktiviert. So nahm ich auf einer der parallel zur Fahrtrichtung aufgestellten Bänke, was sage ich, Sofas, Platz und legte die Beine auf den glänzenden Edelstahltisch, der dazwischen stand. Die Luft war abgestanden und stickig und genauso einschläfernd wie das monotone Rattern des Motors auf der Straße. Die Sessel waren bequem und das Licht mattgelb, sehr beruhigend.


Als ich wieder aufwachte, saß ich auf einem unbequemen Plastikstuhl, der auf der türlosen Längsseite eines weißgestrichenen Korridors stand. Mir gegenüber waren einige Türen, mit kleinen Plastikschildern daran und direkt neben mir war ein Fenster, das vom Boden bis zur Decke reichte. Ein penetranter Geruch von Desinfektionsmittel, wie er in Krankenhäusern, oder vielleicht manchen Großraumbüros zu finden war, strich mir um die Nase. Ich wollte mich aufrichten um nach draußen zu sehen, doch ich fühlte mich zu schwach.

Nagende Gedanken quälten mich, was wohl passiert sein könnte und wo ich wohl sein. Vielleicht war es eine Falle gewesen?