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Der erstaunliche Transformationsstrahler

eine Geschichte zu einer dummen Idee, die Allgemeingut gewisser Autoren im Internet geworden zu sein scheint.

Beendet: 20. 07. 2007 (Rohfassung) 20. 07. 2007 (erste Reinfassung)

Begonnen: Irgendwann letzte Woche (Rohfassung) / 20. 07. 2007 (erste Reinfassung)



Hier unterschreiben!“, brummte der Braungewandete, woraufhin ich versuchte mit dem linken Arm gleichzeitig das Paket unter der Achsel zu halten -die Aufschrift „Zerbrechlich!“ bot einen gewissen Anreiz es nicht fallen zu lassen- und den Auslieferungsschein irgendwie ruhig über meinen linken Handrücken zu legen, so dass ich mit der rechten Hand etwas daraufzittern konnte, das vielleicht meiner Unterschrift geähnelt hätte, wenn man es mit Tipp-Ex bedeckt und mein Autogramm darüber gesetzt hätte.

Ein Paket. Relativ groß, etwa wie eine Schuhschachtel, also mit aller Wahrscheinlichkeit keine Amazonbestellung aus längst vergessenen Tagen. Auch sonst erwartete ich eigentlich nichts. Eine seltsame Angelegenheit: Normalerweise hatte ich immer irgendeine Sendung in der Schwebe, die mich dazu brachte selbst am Samstag früh aufzustehen um sie eventuell entgegen nehmen zu können, wobei ich aber jedes Mal enttäuscht wurde, bis ich eines schönen Tages auf die Idee kam, dass ich vergessen hatte, das Geld zu überweisen. Nur zur Zeit stand eben nichts aus. Meine Adresse, auf ein Etikett gedruckt, stimmte. Es war sogar mein Name und nicht schon wieder der des Vormieters. Ein Irrtum war so schon ein Stück weit ausgeschlossen, Böswilligkeit hingegen nicht. Der Absender „Dr. Hinz & Prf. Kunz Ldt.“ suggerierte einen dummen Scherz oder Betrug.

Versuchsweise hob ich das leidlich schwere Päckchen an und horchte daran, kam mir aber sofort, wie ich zu meiner Verteidigung sagen muss, wie der letzte Idiot vor, als ich mir ein paar Stangen Dynamit und einen roten, einen blauen gezwirbelten Draht die Jene mit einem altmodischen Aufziehwecker mit Schlagwerk verbanden, vorstellte. Der Geigerzähler, welchen ich stets als interessantes Gesprächsthema im Kühlschrank aufbewahrte, schlug ebenso wie mein Horchtest nicht an, weshalb ich beschloss es riskieren zu können und meinen Nachbarn anrief.

Ich hätte dann nur versuchen müssen, mich im rechten Moment, als er die Schachtel öffnete, auf die Toilette in Sicherheit zu bringen, doch niemand nahm am anderen Ende der Leitung ab.

Ich atmete tief durch. Das Taschenmesser gezückt schöpfte ich neuen Mut und ließ die gleißende Klinge entschlossen durch den versiegelnden Klebstreifen gleiten. Nach einer Sedimentschicht aus kleinen, weißen Styropor®-Erbsen, die meine Urnachmieter noch aus den Bodenfugen kratzen würden, stieß ich auf einen verzerrt kopierten Zettel, der im Original wahrscheinlich eine Anleitung hätte darstellen sollen und eine Spielzeugpistole in einer Klarsichttüte. Sie sah absurd aus, wie eine Klischee-Strahlenpistole aus einem antiken Science-Fiction Film. Ein unergonomischer Griff und freilegender Abzug waren an einem glatten, eierförmigen Korpus ohne sichtbare bewegliche Teile angebracht. Statt einer Mündung ragte vorne ein kleiner Parabolspiegel heraus.

Als ich das Ding heraus nahm, überraschte mich sein geradezu blödsinniges Gewicht. Natürlich, es war sonst nichts in der schweren Schachtel, also musste es schon ein wenig auf die Waage bringen, aber da das Objekt äußerlich nur aus klapperig zusammengesetztem, darüberhinaus abfärbendem, silbergrauem Plastik bestand, musste es eine nicht unbeträchtliche Masse an Innenleben sein Eigen nennen.

Verwirrt griff ich nach der Anleitung.

TF-Strahler!!!“, stand ganz oben, übermäßig groß und mit übermäßig vielen Ausrufezeichen versehen. „Einfach TIER-isch!!!!!!!!!“, versicherte die Zeile darunter etwas kleiner, aber die Handvoll weiterer Ausrufezeichen straften ihren kläglichen Versuch mehr Seriösität zu erlangen, Lügen.

Hezlichen Gluckwuench!“ Das fing ja wieder gut an, dachte ich und legte die Stirn in Falten. „Zu Erwerben unserer Gratis Probe eines TF-Strahl 1000 aus Tradididions unternehmen Hinz & Kuenz, seit 3000 Jahr Großtes Handler fur Magischen Object Aller Art. in Anzug der Modernen!! Der TF-Strahle 1000 vereint Bedinunk von Modernen Pistoles mit Magischen Wiknung von Necronomicon! Transformirete Mensch zu Animal! Einfach auf Ziel (Persones) zielend und Animal in Kopf sehend. dann Knopf ziehend! Funktioniert fur uebere 1000 Drehungen! Fur Rueck-Dreh-Ung bestellen sie Anti-TF-Strahl 1500 aus Katalong...“, radebrechte das Blatt, jedoch verstand ich von den restlichen Seiten nicht mehr nennenswert viel, da der Text scheinbar fließend ins Niederländische oder vielleicht Afrikaans überging um von dort aus den Anschlussflug ins Kantonesische (oder eventuell doch Mandarin?) zu erwischen.

Was war das alles nur für grober Unfung?, dachte ich, als ich die Tüte mit der Spielzeugwaffe öffnete, nur um dann hustend und mit tränenden Augen in einer Lösungsmittelwolke zu stecken. Nachdem ich das Fenster geöffnet und etwas Spülmittel eingeatmet hatte, nahm ich endlich die alberne Pistole in die Hand.

Seltsam, aber sie lag erstaunlich gut im Griff und fühlte sich fast wie eine richtige Waffe an. Wie ich schon festgestellt hatte, war sie sehr schlecht verarbeitet, der Abzug hatte fast einen halben Zentimeter Spiel und klapperte in alle Richtungen, je nachdem wie man das Ding hielt. Die beiden Plasikhälften, die die Verschalung bildeten, waren so weich und zerbrechlich, dass ich durch zu hartes Anfassen des Griffes schon einen Sprung hineingedrückt hatte. Auch im Inneren musste etwas lose sein, denn beim Schütteln wurde ein Klimpern hörbar.

Auf jeden Fall musste eine ganze Menge darin sein, sollte man das Ding nicht mit Blei gefüllt haben. Irgendeinem Zweck musste es als dienen. Ich spielte mit dem Gedanken es einfach aufzubrechen und hineinzusehen, aber ich wollte es nicht zerstören, bevor ich es ausprobiert hatte.

Einen Moment lang blickte ich mich im Zimmer um, auf der Suche nach etwas von geringem Wert, legte dann die Pseudowaffe auf der Sofalehne auf, kniff ein Auge zusammen und gab einen gut gezielten Schuss auf den Papierkorb ab, der zur Folge hatte, dass ich entsetzt aufschrie und das Ding auf die Kissen fallen ließ. Tatsächlich, es funktionierte. Irgendwie jedenfalls. Begleitet von einem scharfen Zischen war ein grellgelber Lichtblitz, umgeben von neongrünen Ringen aus dem Gerät geschossen und in den Abfalleimer eingeschlagen.

Nachdem ich wieder einigermaßen beruhigt und der Ozongestank verflogen war, wagte ich es den Eimer zu begutachten. Nichts, gar nichts war damit geschehen. Ratlos zog ich die Anleitung zu Rate, aber daraus wurde ich auch nicht besonders schlau. Dort stand, wenn ich mich nicht irrte, dass man mit diesem Spielzeug, in dessen Flanke deutlich die Worte „MAED IN CHNIA“ eingeprägt waren, einen Menschen in ein Tier verwandeln konnte. So eine Absurdität wollte ich keines Falles glauben.

Probeweise beschoss ich eine meiner kümmernden Zimmerplfanzen. Nichts geschah, wenn man von den eindrucksvollen Lichteffekten, deren Entstehung ich mir nicht erklären konnte, einmal absah.

Anscheinend gab es nur einen Weg es herauszufinden. Aber – was wenn es tatsächlich funktionieren sollte? Ich starrte einige Sekunden lang frontal in die winzige Linse die sich im Zentrum der Parabolschüssel befand. Was würde passieren, wenn ich jetzt abdrückte? Ganz schnell legte ich den Strahler wieder zur Seite. Der Abzug war verdammt locker und vermutlich würde mich der Lichtblitz dauerhaft blenden.

Ich war sauer über meine Feigheit. Wie sollte ich es sonst ausprobieren, wozu hatte ich das Ding dann überhaupt?

Es dauerte ein paar Minuten, bis ich das Fensterbrett freigeräumt hatte und das Fenster öffnen konnte. Dann lehnte ich mich hinaus und blickte auf die Straße hinab.

Trotz des trüben Wetters war dort unten eine ganze Menge los, mit dem Treffen sollte ich kein Problem haben. Zwar hätte man mich schnell entdecken können, aber in der ganzen Verwirrung, die ein plötzlich auftauchendes, nun sagen wir einmal, Flusspferd, stiften würde, nähme sich sicher keiner die Muse mein Fenster ausfindig zu machen.

Nein! Was für eine abartige Idee. Irgendjemand gab sicher Obacht. Und wie um alles in der Welt hätte man den armen Teufel, den mein Schuss traf, je wieder zurückverwandeln sollen? Noch einmal nahm ich die Anleitung zur Hand und besah die auf der Rückseite abgedruckte Preisliste. Ich fand den „Anti-TF-Strahler 1500“, doch auch wenn ich nicht wusste in welcher Währung die Preise angegeben waren, die Anzahl der Nullen nach der eins und vor dem Komma war astronomisch.

Ein flüchtiger Blick auf die Uhr ließ mich zusammenzucken. Vor zwanzig Minuten wäre es langsam Zeit gewesen allmählich zur Vorlesung zu sprinten. Also rammte ich den Strahler in die Jackentasche, warf diese über, hob sie wieder vom Boden auf, zog sie langsamer an und rannte los zur Universität.

Der Tag verlief ganz normal, bis zu dem Zeitpunkt als ich auf der Treppe im überfüllten Höhrsaal Platz nehmen wollte und mich dabei beinahe auf die Pistole gesetzt hätte. Bei dem Gedanken was passieren hätte können, wurde mir schlecht. Nicht nur, dass ich nicht mehr dazu gekommen wäre, sie auszuprobieren, nein, mit aller Wahrscheinlichkeit hätte sich auch ein Schuss gelöst, der eventuell durch die Jacke hindurch gegangen wäre.

Von diesem Augenblick an schwitzte ich Wasser und Blut. Egal wie ich meine Jacke auch positionierte, egal wie sehr ich auch darauf achtete, dass ich und niemand sonst sie berührte, immer hatte ich Panik, dieser teuflische Apparat könnte beim kleinsten Stoß einen unbeabsichtigten Schuss abgeben. Ich hätte mich sicherer Gefühlt, wenn ich sie hervor hohlen und den Abzug im Auge behalten hätte können, aber dies hätte Aufsehen erregt und nur jemanden dazu verleitet das Drecksding aus Spaß zu benutzen.

Kein Zweifel: Es war eine Waffe. Dabei hätte ich mich mit einer Walther in der Tasche besser gefühlt. Einer Pistole, die man entladen, sichern, oder zur Not in den Fluss werfen konnte, aber dieses Ding hatte weder eine Sicherung noch eine sichtbare Energiezufuhr, nur einen wackeligen Abzug.

Gut, in den Fluss werfen konnte ich sie. Vielleicht sollte ich genau das nach der Vorlesung tun. Nein, weiß der Geier, vielleicht schwamm das Ding. Vielleicht ging es beim Aufprall auf das Wasser los oder explodierte bei Kontakt. Womöglich -was schlimmer wäre als alles andere- lief der Stoff der in dem Gerät war, aus und kontaminierte das Flusswasser bis es irgendwo wieder aus den Wasserhänen tropfte. Ganze Städte, ja ganze Landstriche würden unter den schädlichen Folgen leiden. Vollkommen egal ob sich nun alle Menschen in Tiere verwandeln oder sonst etwas geschehen würde, das war keine Lösung.

Endlich, nach der ersten Vorlesung, kam mir die erste, wenn auch nur vorläufige, Idee. Ich stahl mich mit einem Becher Automatenkaffee in der Hand in den Technikraum und entwendete unter sorgfältiger Zurücklassung des Kaffees ein Exemplar aus dem gigantischen Vorrat an Panzertape.

Auf der Toilette brauchte ich die gesamte Rolle auf um den Abzug nach vorne hin am Lauf zu fixieren, so dass jegliches Abfeuern fürs Erste unterbunden war. Ich konnte zumindest den Rest des Vormittags in Ruhe verbringen.

Zurück in meiner Wohnung legte ich die Pistole auf den Küchentisch. Es gab keine andere Lösung, ich musste sie vernichten. Ein Gebrauch kam einfach nicht in Frage, es wäre kaum ein Unterschied zu Mord gewesen. Ich konnte nicht sagen, wie sich eine eventuelle Verwandlung auf den Geist auswirkte, aber vielleicht war es sogar noch viel schlimmer, wenn der Beschossene seinen Verstand behielt. Auch in der unwahrscheinlichen Situation von Notwehr hielt ich den Nutzen für mehr als zweifelhaft, zumal ich nicht genau wusste, wie man das Tier, in welches man das Opfer verwandeln wollte, auswählte. In der Anleitung stand, soweit ich das richtig verstanden hatte, dass man es sich vorstellen musste. Gut, aber wie genau? Bildlich, schriftlich oder in Tönen? Reichte ein kurzes Aufblitzen des Gedanken oder musste man sich womöglich vor dem Schuss einige Minuten konzentrieren? Was war mit dem Unterbewusstsein? Ich wollte es nicht wagen, mich mit einer Waffe zu verteidigen, die einen gefährlichen Einbrecher in eine Katze verwandeln sollte und mir einen Tiger auf den Hals hetzte. Ging die Wirkung überhaupt durch normale Kleidung hindurch? Nein, nein, nein, das Ding musste weg.

Ich kramte den Hammer hervor, drehte die Mündung der Waffe sorgsam in Richtung Wand, holte aus und legte ihn sofort wieder weg. Blöde Idee.

Es gab keinen Unterschied dazwischen, ob ich das Ding nun in den Fluss warf, mit dem Hammer zerschlug oder im Wald verscharrte. Ich wusste nicht was dabei passieren konnte. Genauso gut hätte ich es gleich der Wissenschaft überlassen können. Höchstwahrscheinlich hatte man in China die selben Gedanken gehegt und das Ding einfach verschickt.

Die einzige Möglichkeit, die ich noch hatte, wäre vorsichtig den Abzug mit der Laubsäge abzutrennen und seine Reste mit Hilfe einer glühenden Nadel mit der Verschalung zu verschweißen. Eventuell konnte ich auch die Parabolschüssel stutzen. Und dann einen Tresor kaufen und das Ding für meine Lebzeiten, mit einer Notiz an meine Enkel, wegschließen.

Aber, nun ja, ein Tresor war teuer

Von der unmoralischen Seite aus gesehen, war dies nicht eigentlich die perfekte Waffe für Verbrecher? Sie müssten zwar zur Sicherheit immernoch eine scharfe Waffe mit sich führen und auf alles gefasst sein, aber eine Leiche würde es nicht geben. Schlimmstenfalls den Kadaver eines extrem exotischen Tiers, welcher womöglich noch größer war als das Zimmer in dem man ihn auffand. Ob das Ding auch an Leichen funktionieren würde? Wie schnell würde die Verwandlung gehen? Es konnte ja auch Tage dauern.

Sicher hatte sich die Mafia schon einige Ladungen dieses Produkts gesichert.

Einen anderen Zweck konnte ich mir nicht vorstellen. Womöglich noch, wenn man einmal keinen Ausweg mehr sah, denn es ging sicher einfacher von der Hand als Selbstmord.

Schließlich packte ich den Strahler dick in Zeitungspapier und steckte ihn in eine Schuhschachtel. Nach kurzer Überlegung versah ich die Anleitung mit der Anmerkung „Achtung! Könnte wirklich funktionieren!“ und legte sie dazu. Vorsichtshalber schob ich die Schachtel unter den Schrank und nicht unter das Bett, man wusste ja nie welche Strahlen das Ding auch im Ruhezustand aussandte.


Ende