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Inkompatibel II.
Neufassung der Science-Fiction-Erzählung
von Felix M. Hummel
für
den Wettbewerb „What if – Visionen der Informationsgesellschaft“ des Bayrischen Rundfunks
Nicht ausgezeichnet oder erwähnt.
Begonnen am 13. August 2006
Beendet am 21. August 2006 (mit Verbesserung)
„Auch verschwendete Zeit kann eine Art der Zeitverschwendung sein. Deprimierend nicht wahr?“
Wohin das Auge auch blickte reichten sanfte, grüne Hügel bis zum Horizont. In der ferne rauschte ein Wasserfall, so perfekt wie in einer romantischen Ölminiatur. Dampf stieg aus den zyklopischen Baumwipfeln der Berge auf und trug ein tropisches Bouquet fruchtiger, aber auch herber, moosartiger Gerüche hin zu der Ruhestatt des alten Mannes. Ganz leicht, niemals zu aufdringlich. Die unterschiedlichsten Tierstimmen sangen und schnatterten unter ihm in der perfekten Landschaft. Ein wenig zu laut und zu durcheinander, wie er fand... Da verstummte alles, bis auf das beruhigende Plätschern des Wasserfalls und das Säuseln des Windes in den Kronen der Urwaldriesen. Musik wäre gut. Vivaldi, die Vier Jahreszeiten... Frühling natürlich.
Auf einer Plattform aus reinstem weißen Marmor saß der alten Mann in einem samtenen Ohrensessel vor einem mit goldenen Utensilien gedeckten Tisch. Schwerer roter Wein füllte seinen Becher und die ebenfalls goldene Teigkruste des Beef Wellington dampfte auf seinem Teller. Vielleicht war es ein wenig zu heiß. Der Dampf stieg nun weniger hektisch und in kleineren Mengen auf. Ja, jetzt war alles perfekt. Nur Magda fehlte noch.
Er hob den Kopf und sah zum andern Tischende. „Hallo Magda. Schön, dass du es noch geschafft hast.“, sagte er sanft schmunzelnd zu der jungen Frau, die dort saß, als wäre sie schon immer da gewesen, vor einigen Sekunden aber noch gefehlt hatte.
Sie lächelte mit vollen roten Lippen, ohne dass sich eine einzige Falte in ihrem milchweißen Gesicht bildete. „Du weißt doch,“, meinte sie, halb belustigt halb tadelnd und strich sich mit ihren zarten Fingern eine Strähne ihres schwarzen Haares aus dem Gesicht. „Dass ich immer da bin, wenn du es willst.“
Der Alte antwortete nicht, sondern schnitt ein Stück aus seinem Essen und kaute nachdenklich. Perfekt. Jede Einstellung war perfekt. Doch warum musste sie das immer sagen? Er mochte es nicht, wenn sie so redete, als lebe sie nur für ihn. Es erschien ihm so künstlich. Er nahm einen Schluck Wein, einige Minuten aß er schweigend.
„Magda...“, begann er dann unsicher. „Da ist etwas, was ich dich fragen wollte.“
Sie sah ihn freundlich an, bereit ihm alles zu sagen, was er wissen wollte.
Langsam verebbte die Musik. Da stimmte doch etwas nicht, er hatte keinen Befehl dazu gegeben. Naja, von so einen Bug ließ er sich heute einmal nicht den Abend verderben. Doch irgendwie wirkte alles auf einmal so farblos und verschwommen. Das Fleisch in seinem Mund verlor seine Konsistenz, wurde plötzlich weich und körnig, ohne jeden Geschmack. Magda flimmerte, der Wald begann sich an einigen Ecken zu kräuseln und aufzulösen. Er wollte etwas Rufen, die Hilfe öffnen, doch er konnte sich mit einem Mal nicht mehr bewegen.
Dann war es stockdunkel. Kein Geräusch war mehr zu hören nur sein eigener Herzschlag, der in seinen Ohren hallte und sein Atem der, unangenehm warm von etwas zurückgeworfen, gegen sein Gesicht schlug. Er versucht einen Befehl zu geben oder mit Magda in Verbindung zu kommen, nichts geschah. Er versuchte sich aufzurichten, denn anscheinend lag er mit angewinkelten Knien auf den Rücken, aber er konnte sich nicht rühren. Er war wie gelähmt.
Ein rhythmisches Pfeifen erklang und ließ ihn hoffen, dass sich seine Lage verändern würde, dass er gleich zurückkehren konnte. Wahrscheinlich war nur wieder ein Server ausgefallen und man hatte vergessen ihn in die Warteschleife zu schalten. Das sollte ja schon geschehen sein, oder nicht?
Das Pfeifen wich einem langsam, bis an die Schmerzgrenze anschwellenden Klopfen, aber er konnte nicht einmal das Gesicht verziehen, nicht schreien, wo ihm doch schon der Schweiß von der Stirn in die Augen lief. Er fühlte sich als hätte man ihn in einen Kiste gesperrt, bekam keine Luft. Sein Herz schlug schneller, es raste aber er konnte nicht schneller atmen. Irgendetwas drehte sich.
Das Klopfen endete mit einem finalen, markerschütternden Paukenschlag und einem fröhlichen Klingeln, dass wie er wusste, einen Fehler ankündigte. Eine grelle, rosafarbene Schrift flammte in der Dunkelheit auf. Er konnte nicht anders, als sie anzustarren, denn sie füllte sein ganzen Blickfeld aus und er konnte weder den Kopf wenden, noch glaubte er, dass dies überhaupt einen Sinn gehabt hätte.
Eine freundliche Frauenstimmer verlas sodann den Text, den er selbst nie lesen hätte können, weil er einfach zu groß war: „Sehr geehrter Benutzer: Ein schwerer Ausnahmefehler ist aufgetreten. Da ihr Zerebralmodem das letzte manuelle Softwareupdate aufgrund einer Verfehlung von ihrer Seite her nicht finden konnte, kann eine einwandfreie und angenehme Verbindung nicht mehr gewährleistet werden. Um weitere Inkompatibilität zu vermeiden stellt ihr Produkt ab sofort seinen Betrieb zur Wartung ein. Bitte melden sie sich selbstständig unter folgendem Link beim Staatlichen Helpdesk der Hauptstadt. Wo immer sie heute hingehen wollen, wir wünschen ihnen dabei einen angenehmen und erfolgreichen Tag.“ Klick.
Mit einen Ruck bäumte er sich auf, nur um gehen ein Hindernis zu stoßen. Die Lähmung war von ihm Gewichen, doch er sah immer noch kein Licht, spürte nur seinen Atem, den Schweiß und kaltes Metall überall um ihn herum. Sofort passte sich sein Schnaufen dem rasenden Herzschlag an, er hyperventilierte, er steckte tatsächlich in einer Kiste und die Luft ging ihm aus. Er trat und schlug um sich, drehte sich auf den Bauch und versuchte die Decke wegzudrücken, bis seine Muskeln fast rissen. Es half nichts, er würde ersticken, lebendig begraben. Doch dann spürte er, wie etwas am Fußende nachgab. Ohne nachzudenken schob er sich vorwärts, seine Füße baumelten im freien Raum, er konnte hinaus. Mit einem weiten Ruck war er frei, ein Bein berührte etwas, wie ein Gestell und verhedderte sich darin. Die Leiter! Schoss es ihm durch den Kopf, er konnte den Gedanken aber nicht einordnen. Er schob weiter an, aber dort war nichts mehr außer Leere. Er stürzte hinab und schlug nach einer Drehung hart mit dem Gesicht auf Metallboden auf.
Im ersten Augenblick spürte er keine Schmerzen, zu froh war er darüber, diesem Sarg entgangen zu sein. Als er sich jedoch aufrichtete bohrte es in jedem seiner Knochen, besonders sein Kopf war als wäre er zerbrochen.
Aber, so etwas konnte doch nicht sein, das Modem filterte solchen Schmerz und rief gleich den Arzt. Was war überhaupt geschehen? Wo war er und was hatte die Stimme gesagt?
Sein Zerebralmoden hatte sich abgeschaltet? Der alte Mann taste auf dem Boden umher, bis er auf eine Wand stieß, an die er sich schnaufend lehnte. Ein Türgriff drückte in seinen Rücken.
Natürlich.
Er war in seinem Wohngebäude und aus seiner Wohnkammer gefallen. 200X60x30 Zentimeter, wie hatte er da so einen Anfall bekommen können? Was war überhaupt mit dem Licht geschehen?
Moment. Seit wann konnte sich ein Zerebralmodem abschalten? Allein der Gedanke war absurd, würde es doch bedeuten, dass gar nichts mehr funktionieren würde. Das Licht wäre dann ja sein geringstes Problem. Er versuchte den Link aufzurufen, den man ihm gegeben hatte. Nichts geschah, er wusste nicht einmal, wie er ihn überhaupt eingeben hätte sollen. Keine Oberfläche erschien, keine Verbindung kam zustande. Nicht einmal Musik ließ sich einschalten.
Ungläubig schüttelte der alte Mann den Kopf. So etwas konnte nicht passieren, von so einem Fall hatte man doch noch nie etwas gehört, es durfte nicht sein. Erst einmal musste er heraus aus dieser Finsternis. Vorsichtig richtete er sich auf und tastete sich an den langen Reihen von kleinen, übereinander geschichteten Türen und Leitern entlang bis er an ein Ende gelangte. Die Pforte dort reagierte nicht, aber nach einigem Schieben und Zerren ließ sie sich widerspenstig bewegen. Helles Tageslicht drang durch den ersten Spalt in den Flur. Das war seltsam, es hätte doch schon Dunkel sein sollen.
Er zog weiter, bis er sich nach draußen zwängen konnte. Missmutig begutachtete er die schmerzhaften Abschürfungen an seinen Händen und Knien. So etwas Scheußliches hatte er schon seit Jahrzehnten nicht mehr gespürt. Wie hatte man das früher nur ertragen können, Tag ein Tag aus mit derartigen Stichen.
Es würde ihm nichts anderes übrig bleiben als mit dem Zug in die Hauptstadt zu fahren und den Helpdesk persönlich aufzusuchen. Solche Entfernungen zurück zu legen und das in der heutigen Zeit – glatter Wahnsinn. Aber es musste sein, damit er dieses Problem schnell aus der Welt schaffen konnte. Sicher würde das extrem Teuer werden, es war ja mehr als nur eine einfache Dienstleistung, aber verzichtete ja nicht umsonst auf diese fünftausend Kubikzentimeter, die ihm an Wohnfläche noch zugestanden wären. So brauchte er sein finanzielles Polster, welches er eigentlich angespart hatte um sich, sobald es einmal Zeit für ihn gewesen wäre, den Krebs entfernen zu lassen, nicht anzutasten. Aber dieser Fall nun, das war eben Schicksal.
Er seufzte und hob den Kopf um loszugehen. Als er die Straße vor sich sah, brach er auf den Stufen zusammen. Turmhohe Stahlglastürme, goldene Säulen, azurblaue Kuppeln, exotische Bäume und Blumen, die in kristallenen Glocken über den breiten Gehwegen schwebten, schnittige Düsenwägen auf den Fahrbahnen, sanfte Musik und lockende Gerüche, die zwischen den geschäftigen Menschen umherwaberten, das alles hatte er erwartet. Nichts, nichts dergleichen war dort. Nicht einmal die aufdringlich blinkenden Werbebanner, die einem oft dem Weg versperrten. Nur fensterlose, graue Betonquader ragten wie ein schlechtes Gebiss in den blauen Himmel auf. Stocksteif liefen einige wenige Menschen mit starren Gesichtern und wie wild hin und her flirrenden Augen in seltsam anmutenden grauen Kniehemdchen über die ebenso grauen, verwitterten Gehsteige. Alles wirkte so kalt und leer, das ihm mit einem Mal übel wurde. So konnte es nicht sein, es war alles weg. Die Schönheit, die architektonischen Kunstwerke, das Leben selbst war aus der Stadt und ihren Menschen gewichen. So durfte es nicht sein!
Aber nein, einen Moment! Das hatte er doch alles gewusst, oder nicht? Die Virtuelle Architektur. Man baute heute nur noch das nötigste in der Realität, der Rest, die wirkliche Arbeit und Kunst leisteten die Programmierer und Designer. Das hatte doch schon vor vierzig Jahren angefangen, damals als er sein Modem bekam. Man war auf die Idee gekommen öde Bürobauten wenigstens im Netz für das Auge gefällige zu machen. Da sich das Netz schon lange von den Terminals und Computern gelöst hatte und mit der Erfindung der Zerebralmodems direkt in die Köpfe der Menschen gelangt war, womit es möglich war jede Empfindung nach belieben zu beeinflussen, sogar durch das Ansprechen bestimmter motorischer Nerven bei gleichzeitiger Lähmung der Muskulatur, Bewegung zu simulieren, war dieser Schritt sehr naheliegend gewesen. Freilich waren die ersten virtuellen Konstruktionen nicht mehr als Kulissen gewesen und hatten mit ihren vielen Fehlern oft zu Kopfschmerzen bei den Benutzern geführt. Das Bild hatte oft Lücken gehabt, Treppensteigen war ein Abenteuer gewesen und manchmal hatte sich der Blickwinkel nicht in der selben Geschwindigkeit wie die Kopf- beziehungsweise Augenbewegung verändert. Aber heute waren solche Kinderkrankheiten vollständig ausgemerzt, man hatte das System so weit perfektioniert, dass man nur noch selten und auch dann nur aus Gewohnheit Wände zog um Räume zu trennen...
Er hatte sich nie Gedanken darüber gemacht, dass es alles nur Schein war. Nun, eigentlich war es ja kein Schein, denn man schaltete das Modem nicht aus, es gab also keine andere Realität. Und nun stand er so hier. Gut, es waren ästhetische Dinge, auf die er verzichten musste, aber es würde recht schwierig werden in dieser veränderten Landschaft den Bahnhof zu finden. Noch etwas weich in den Knien erhob er sich und machte sich daran die Straße hinunterzugehen. Als er die Autos sah entkam ihm ein nervöses lachen, doch es klang eher wie ein verstörtes Heulen. Statt der schnittigen, glänzenden, düsengetriebenen Gefährte, für welche man ein Vermögen ausgeben konnte ratterten etwa eierförmige Metallgondeln auf Schienen dahin. Man zahlte hier anscheinend nur für die Software, die das Aussehen des Wagens darstellte. Man konnte es eigentlich Betrug nennen, wenn er sich nicht sicher gewesen wäre, dass viele Leute es wussten und der Rest es sicher nicht wissen wollte. Also doch kein Betrug.
Schon als er um die nächste Ecke bog, bemerkte er, dass er sich so niemals zurechtfinden würde. Er konnte keine Automap aufrufen, nicht einmal die Straßennamen wurden ihm eingeblendet und alles sah so anders aus. Er wollte nach dem Weg fragen, doch die Menschen liefen steifen Schrittes um ihn herum oder an ihm vorbei ohne ihn anzusehen oder seine Fragen zu beantworten. Wahrscheinlich sahen sie ihn gar nicht wirklich. Nur Modems erkannten sich gegenseitig. Sie wichen ihm nicht aus, sie liefen gegen ihn dagegen und ließen sich auch nicht festhalten. Schnell hatte er genug, rief und sprang vor den Leuten auf und ab, bis er heiser wurde, aber es hatte keinen Zweck. Er musste seinen eigenen Weg finden. Die Stadt war nicht so groß, es musste zu schaffen sein. Niedergeschlagen zog er weiter.
Als der Abend dämmerte, lehnte er sich gegen eine Betonmauer und begann zuerst leise zu schluchzen. Er versuchte seine Tränen zu unterdrücken, bis ihm klar wurde, dass in niemand sehen konnte da ließ er ihnen freien Lauf, vergrub die Hände im Gesicht. Die Verzweiflung übernahm das Ruder. Es gab keinen Ausweg für ihn, er konnte den Bahnhof, seine einzige Hoffnung, nicht finden. Züge liefen nur noch in die Hauptstadt, wo sollte man auch sonst hin, aber er war den Weg noch nie gegangen. Er fror, das Modem regelte seine Temperatur nicht mehr und das graue Hemd war keine wirkliche Kleidung, es schien fast aus Papier zu sein. Er versuchte sich einfach auf den Boden zu legen und zu schlafen, in der Hoffnung alles möge wie ein böser Traum verschwinden, aber er brachte die dazu nötige Ruhe nicht auf. So erhob er sie wieder und setzte seinen Weg fort, bis er ein donnerndes Getöse vernahm. Ein Zug.
Keine halbe Stunde später hatte er den Bahnhof gefunden, ein Bontonklotz wie alles andere, nur dass durch eine Öffnung an beiden Enden Züge hinein und hinaus fahren konnten. Der Fahrkartenautomat reagierte nicht auf ihn, so dass er über das mannshohe Drehkreuz hinwegklettern musste, eine Aktion, die sonst sofort der Sicherheit gemeldet worden wäre, aber natürlich passierte das nicht. Der bereits wartende Zug war mit jenen Modellen, die er oft im Netz gesehen hatte, überhaupt nicht zu vergleichen. Keine oragnisch wirkende Schlange, die in Bewegung aussah, als sei sie aus reinem Quecksilber geformt stand dort, sondern lediglich eine alte Wasserstofflock, an die sich drei klägliche, antike Wagons klammerten, die zum Teil sogar noch echte Fenster, oder eben dafür vorgesehene Öffnungen, besaßen. Ohne sich weiter mit dieser bedrückenden Tatsache zu beschäftigen stieg er ein.
Nur zwei andere Fahrgäste waren mit ihm im Abteil und saßen auf den mit Fetzen bezogenen Gestellen, die nach jahrzehntelanger Nutzung von den Sitzen übrig geblieben waren. In den Hoffnung doch noch Aufmerksamkeit zu erlangen setzte er sich neben eine ältere Frau, doch eigentlich fühlte er sich bereits wie ein Geist. Unsichtbar und tot, dabei vermutlich nicht einmal existent.
Mit einen lauten Knirschen und einem Ruck, der so stark war, dass der Alte beinahe vom Sitz gefallen wäre, fuhr der Zug an. Ob dieses Ding überhaupt noch gewartet wurde? Man hätte doch das Modem dazu abstellen müssen, um die Schäden zu sehen, glaubte er. Konnten Techniker andere Dinge sehen als normale Menschen? Vielleicht erhielt ja jeder Einzelne eine persönlich auf ihn eingestellte Software oder einen Filter, je nach Berufstand. Aber so wie es hier aussah, tat man einfach gar nichts. Eventuell würde ein Unglück auch einfach herausgefiltert werden: Man manchte den Angehörigen glauben, dass sie niemals entsprechende Verwandte gehabt hätten, oder ersetzte sie einfach durch Bots. Dies wiederum setzte doch Voraus, dass es eine zentrale Instanz gab die das ganze steuerte.
Nein, nein, was dachte er denn da? Er wurde ja schon Paranoid. Allein der Wettbewerb im Netz würde so etwas verhindern, der Staat hatte da gar nichts zu sagen.
Was war eigentlich mit Magda? Sie machte sich sicherlich schon Sorgen um ihn, hatte vielleicht die Sicherheit alarmiert. Verdammt, er hätte in seiner Kammer bleiben sollen und einfach warten! Aber was, wenn nicht? Wenn sie sich keine Sorgen machte, sonder nur dachte, er würde sie nicht mehr wollen? Und was, wenn sie kein Mensch war? Nur ein Bot...sein ganzes Leben wäre er einer Lüge aufgesessen.
Nein, natürlich war sie das nicht. Er hatte sie schon eine Ewigkeit und alles an ihr war immer perfekt gewesen, jedes Detail, jede Erinnerung. Sie war so echt, wie er sie nur haben wollte, sobald er wieder eine Verbindung aufbauen konnte. Dafür hatte er ja schließlich teuer genug für ihre Software gezahlt. Er brauchte sie. Er musste zum Helpdesk.
Als er wieder aus dem Fenster blickte, passierte der Zug gerade eine Bergkuppe. Sein Blick ging nach Westen, direkt in die versinkende Sonne. Dort unten, im Ödland, musste die Hauptstadt liegen, aber er sah nichts. Erst in der nächsten Kurve veränderte sich sein Blickwinkel so, dass nun die Abendsonne blutrot die Linien der Häuser gegen die schwarze Wüste abzeichnete. Trotz der Farbe, die das Licht den Häusern verlieh, spürte der Alte, dass ihr Wesen eigentlich grau war. Die ganze Stadt wirkte unvollständig als sei sie nicht fertig geworden und damit auch noch nichts über sie entschieden. Es hatte einen Hauch von Jungfräulichkeit, wie... Papier. Ja, Papier war etwas großartiges gewesen, damals in seiner Kindheit, man hatte so viel damit anstellen können, aber brauchen konnte man es heute bestimmt nicht mehr.
Nachdenklich drehte er sich zu seiner Nachbarin. Ob sie ihn nicht vielleicht doch wahrnehmen konnte? Vorsichtig streckte er seine Hand aus und berührte sie an der Schulter. Nichts. Er musste es also doch wagen. Er kniff ihr in den Arm. Nichts. Weiter wollte er dann doch nicht gehen. Jetzt noch nicht, hoffentlich niemals. Wahrscheinlich hätte er ihr mindestens das Nasenbein brechen müssen und dann würde er als Bedrohung eingestuft und sofort von der Sicherheit... aber die sahen ihn vermutlich auch nicht.
Als der Zug mit einem ebenso starken Ruck wie bei der Anfahrt zu stehen kam, eilte er, noch bevor die Modems der wenigen anderen Fahrgäste die neue Umgebung geladen hatten, aus dem Zug und hinaus durch die Türen des Bahnhofes.
An der langen Treppe, die hinab zur Stadt führte, blieb er stehen. Er war doch nicht etwa einmal im Kreis gefahren? Verzweifelt wandte er sich in alle Richtungen. Hier sah es ja genauso aus, wie in seiner Kleinstadt. Nein, er hatte die meiste Zeit aus dem Fenster gesehen, dies hier war ganz ohne Zweifel die Hauptstadt. Man musste alle alten Häuser abgerissen haben, nachdem sowieso niemand mehr unterscheiden konnte wobei es sich um echte und wobei um virtuelle Architektur handelte. Früher hatte er hier gearbeitet, vor über vierzig Jahren, als noch so vieles Echt gewesen war. Damals war es auf jeden Fall schöner als jetzt gewesen, die ehrwürdigen Bürgerhäuser, die Pfalsterstraßen, der gotische Münster, wenn auch keinesfalls schöner als vor ein paar Stunden, als dieser verflixte Apparat in seinem Kopf noch funktioniert hatte. Wie sollte er den Helpdesk finden, in einem weiteren Wald grauer Kästen?
Plötzlich fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Er wusste wo der Helpdesk war. Er hatte Tür an Tür, oder besser im selben Raum, denn er war sich sicher, dass die Wände nur simuliert worden waren, damit im Kommunikationsministerium gearbeitet. Freilich hieß es heute nicht mehr so, sondern wurde im Zuge der World Wide Norming Offensive in eine Net Provider Cooperation umgewandelt, aber es war sicher noch im selben Haus. Der Helpdesk war sich das gleiche wie das frühere Bürgerinformationsbüro.
Das Haus war schon immer ein grauer Kasten gewesen und war sicher nicht aufgrund von schwer zu verarbeitenden Merkmalen abgerissen worden, aber das machte es auch nicht leichter, es zu finden.
Er war müde, den ganzen Nachmittag, von der Zugfahrt abgesehen, war er auf den Beinen gewesen und nun brach bereits die Nacht herein. Es würde nicht mehr lange dauern, dann wäre es so dunkel, dass er gar nichts mehr sehen konnte. Der Himmel hatte sich bedeckt und was war auf diesen Straßen schon beleuchtet? Es blieb ihm keine Wahl, als sich einen Schlafplatz in irgendeinem Flur zu suchen und dort die Nacht zu verbringen. Morgen würde sicher alles anders aussehen.
Nichts sah anders aus.
Die Hälfte des darauf folgenden Tages verbrachte er wie jenen davor, indem er suchend in der Stadt umher lief. Seine Knochen schmerzten noch vom ungewohnten Laufen und von der harten Ruhestatt, die er auf einem brettartigen Sofa in einem Bankhaus gefunden hatte. Zuerst hatte er sich zwar Zugang zu einem Wohnhaus verschafft, jedoch schnell festgestellt, dass man dort generell, wie auch in der Provinz, auf dem Boden oder ich Fächern schlief und das Modem die Bequemlichkeit besorgte.
Als ihn, es wurde bereits erneut Abend, Hunger und Durst besonders quälten, fiel ihm ein Berg von Kisten, die gerade in einen Lieferwagen eingeladen wurden, auf. Aus ihrer Größe schloss er, dass es sich dabei um Essenslieferungen handeln musste. Er war unnötig nervös, als er sich vorsichtig um das Fahrzeug herum schlich und sich nach dem Fahrer umsah, der mit steifen Bewegungen eine Schachtel nach der anderen in den Fond schob.
Es war immerhin Diebstahl, ein Verbrechen über welches er gestern Morgen sicher nicht eine Sekunde lang nachgedacht hatte. Mit der Erweiterung des Netzes hatte man viel Wert auf teure Sensibilisierungskampagnen gelegt, die die Menschen darauf hinweisen sollten, dass kein Unterschied zwischen realen und virtuellen Verbrechen mehr bestand. Die Strafen wurden dementsprechend angepasst, auch darum, weil man glaubte, wer in einer Zeit, in welcher die Sicherheit bei Verdacht auf die Gedanken eines jeden zugreifen konnte, noch ein Delikt mit voller Absicht beging, müsse eine pathologische Störung aufweisen.
Er wartete gut zehn Minuten, nicht fähig sich zu entschließen, endlich zuzugreifen. Erst als der Mann inne hielt und ins Leere starrte, er hatte wohl eine Nachricht erhalten, sprang er hervor, schnappte sich eine Kiste aus dem Stapel und wollte weiterlaufen, blieb aber dabei mit dem Fuß in einer anderen Schachtel hängen, stolperte, griff nach dem Bein des Fahrers und riss diesen mit zu Boden.
Er konnte sich abfangen und war schnell wieder auf den Beinen, doch der jüngere Mann, ein besonders breit und kräftig gebautes Exemplar, kniete auf dem Boden und hielt sich fluchend seine blutende Nase.
Er fluchte! Laut! Ein warmer Schauer überkam den Alten. Sicher würde er nun ziemlich wütend sein, aber alles war besser als ignoriert zu werden. Irgendwann würde sich der Koloss wieder beruhigen und er konnte ihm alles erklären, damit er den Helpdesk kontaktierte.
„Sie verdammter Idiot!“, brüllte der Fahrer und richtete sich mit vor Zorn verzerrtem Gesicht auf. Eine Hand hatte er zur Faust erhoben, die andere an die blutende Nase gepresst. Er sah so aus, als wollte er den Alten umbringen, doch dieser blieb zitternd an seinem Platz stehen, bereit dies über sich ergehen zu lassen um endlich wieder in die Normalität zurück zu kehren. „Sie! Ich werd' sie...“, schrie der Mann als er plötzlich abbrach. Sein Gesichtsausdruck wurde mit einem Mal wieder leer.
Der alte Herr wartete noch einige Minuten angespannt, bis er sich sicher war, dass der andere nicht zuschlagen würde. Als sich der Fahrer erneut zu bewegen begann, erschrak er furchtbar, doch er merkte schnell, dass er wieder begonnen hatte die Kisten in den Wagen zu schaffen, als wäre nichts passiert.
Er war Fassungslos. Ein paar Mal umrundete er den Dicken, versuchte ihn in seinen automatisch wirkenden Handlungen aufzuhalten, doch es war nichts zu machen. Er reagierte nicht mehr. Er spielte mit dem Gedanken ihm einen Kinnhaken zu verpassen, fürchtete sich aber insgeheim davor und vermutete darum, dass ihn das Modem des Fahrers schon als Störung registriert hatte und somit nicht weiter auf ihn eingehen würde, auch wenn er den Fahrer erschlüge. Er konnte natürlich versuchen das Gerät des anderen zu zerstören. Die matt glänzende Metallschiene die quer über den geschorenen Schädel des Arbeiters lief war mit einem Stein sicher nicht zu verfehlen.
Kurz suchte er die Straße ab, zog einen handlichen Keil aus dem bröckelnden Zement und holte aus, als der andere gerade Still hielt.
Doch... was tat er da eigentlich? Wenn er dem Mann den Schädel einschlagen würde, dann wäre wohl alles aus. Raub schreckte ihn ab, aber etwas, das als Mord enden konnte? Diese Werbekampagnen damals... „Raub ist auch Mord“, das konnte einen schon auf die Dauer durcheinanderbringen. Aber so stark? Außerdem, was hatte er davon, wenn noch jemand ziellos und verwirrt mit ihm durch die blanken, unbeschriebenen Straßen wanderte? Er musste seinen Weg alleine finden, so war es nun einmal.
Seufzend lies er den Stein aus seinen Fingern gleiten und sah dem geschäftigen packen des Mannes noch einige Minuten lang zu. Schließlich hob er eine Schachtel auf und wandte sich zum gehen, doch ein Gedanke hielt ihn zurück. So einfach konnte er nicht weg, zwar waren viele Leute auf den Straßen, aber sie alle hetzten steifen Schrittes an ihm vorbei, so ein statisches Exemplar, wie dieser Mensch, war selten. Es gab heutzutage schließlich genauso wenig Gründe um stehenzubleiben wie solche um sich überhaupt zu Bewegen. Er klemmte also das Paket unter den Arm und versetzte dem Packer so kräftig er nur konnte einen Tritt gegen das Schienbein. Der Mann schrie auf, lies die Kiste fallen, die er gerade aufstapeln wollte und packte den Greis mit einer fließenden Bewegung am Kragen.
„Ich hab dir gesagt ich bring dich um du Arsch!“, wütete er so, dass dem Greis Spucke und der faulige Mundgeruch des Rohlings ins Gesicht schlugen. Sein Herz setzte fast aus, er war sich sicher gewesen, dass er nicht mehr reagieren würde. Er hatte gedacht er kannte sich mit diesen Modems aus. Aber wenn er es schaffen würde ihn zu beruhigen... nein jetzt nicht mehr, er würde gleich zudrücken. Tatsächlich schloss sich eine der Pranken des dicken fest um den Hals des alten Mannes.
Ihm blieb kaum Zeit für einen erstickten Schrei, als der andere schon wieder locker ließ. Der Alte brach röchelnd auf dem Asphalt zusammen und fuhr sich mit den Händen an die Kehle. Als er wieder zu Atem gekommen war und getrieben von der Hoffnung nach dem Fahrer sah, musste er feststellen, dass dieser wieder seinen leeren, flimmernden Blick zurück hatte und weiter arbeitete.
Müde und niedergeschlagen richtete sich der alte Herr auf um seinen ziellosen Weg fortzusetzen. Wie hatte er das Zerebralmodem nur so unterschätzen können. Er hatte geglaubt, es wäre wirklich so einfach in seiner Funktion, dass es alle unpassenden Reize blockieren würde. Wahrscheinlich wäre die Welt schon lange völlig aus den Fugen geraten wenn es so wäre. Sicher steckte eine gewaltige Ansammlung aus Sicherheitsprotokollen, Schutzprogrammen und Filtern dahinter, wie sollte es auch anders sein? Er wurde wahrscheinlich gar nicht ignoriert, womöglich registrierte ihn jeder Passant für eine Millisekunde, sein Modem stellte fest, das zu ihm keine Verbindung möglich war und meldete es seinem Besitzer, welcher ihn sofort als uninteressant einstufte. Wenn er jemanden Angriff, dann tat dieser also gerade so viel um ihn davon abzuhalten es noch einmal zu versuchen. Hätte er versucht mit dem Stein zuzuschlagen, hätte ihn der Fahrer vielleicht tatsächlich umgebracht. Er war sich nicht sicher, ob dies so sein würde, aber es gab keine Möglichkeit für ihn um die genaue Funktionsweise in Erfahrung zu bringen. Wenn er noch kompatibel gewesen wäre, hätte er nur nachzusehen brauchen, es war ja kein Geheimnis dahinter.
Nur es hätte ihn wahrscheinlich auch niemals interessiert. Eigentlich wollte er es auch jetzt nicht wissen, er wollte nur wieder zurück in sein Leben.
Plötzlich blieb er wie angewurzelt stehen. Er kannte dieses Gebäude. Es war sehr alt, die Fassade war mit roten Ziegeln verkleidet, nicht nur eine reine Betonkonstruktion. Sämtliche Fenster -man stelle sich vor, es hatte so etwas- waren zerbrochen, auch der breite, verglaste Eingangsbereich der vorne wie ein Keil aus dem quaderförmigen Gebäude ragte lag in Scherben. Die Leute, die ein und aus gingen, kümmerten sich nicht darum und waren vielleicht sogar erleichtert, dass sie keine Tür zu öffnen hatten. Solche ästhetischen Kleinigkeiten blieben ihnen verborgen. Was den alten Mann jedoch erst richtig in Aufregung versetzte war das kleine Messingschild neben dem Eingang. „Net Provider Cooperation Building 4533c“ war in seltsam verschnörkelten Lettern darauf zu lesen.
Ein Schild! Der Alte starrte es ungläubig an. Wieso um alles in der Welt hatte man für so etwas Geld ausgegeben? Aber das war völlig unwichtig, es war da, er konnte es ohne Modem lesen und war damit so nahe an seinem Ziel, wie er es gar nicht mehr zu hoffen gewagt hatte. Ihm stiegen Tränen in die Augen, als er über die Scherben hinweg in die düstere Eingangshalle trat. Trotz der vielen Menschen sah es hier auf eine Art und Weise verlassen aus. Die Leuchtstoffröhren und Deckenplanelen waren kaputt, die Wände voll von Wasserflecken und Müll sammelte sich in den Bereichen, über welche man nur selten ging, wie in kleinen Inseln. Darum baute man heute nicht mehr so, dachte der Alte und fühlte sich mit einem Mal der Vergangenheit überlegen. Alles Alte zerfiel, wie dieses Haus, oder der Zug und würde irgendwann durch etwas Neues, Dauerhaftes ersetzt, wie die heutigen Betonhäuser. Das Virtuelle blieb auf jeden Fall bestehen. Doch Zweifel machten sich in ihm breit, noch während er über diese moderne Weisheit nachdachte. Wenn es so einfach war, die Verbindung zu verlieren, war es dann überhaupt wert, die ganze Gesellschaft auf so filigrane, kunstvolle aber eben wackelige Beine zu stellen. Blödsinn! Was sollte man denn sonst machen? Weiter in Stein meißeln, was ja sicher das dauerhafteste war?.
Es war allein schon ein Wunder, dass man dieses alten Haus nicht abgerissen hatte. Fern erinnerte er sich an die geschäftigen Flure, die einstmals zwar nicht wesentlich heller, aber doch sauberer gewesen waren, und versuchte sein altes Büro zu finden. Doch wieder hielt ihn etwas auf.
Neben einem Türrahmen -die Türen selbst hatte man natürlich überall entfernt- war eine sonderbare, glänzende Platte angebracht. Als er näher trat schreckte er entsetzt zurück, da ihn plötzlich jemand angestarrt hatte. Jemand hatte ihn bemerkt! Nein, es war ein Spiegel. So etwas hatte er nun wirklich schon eine Ewigkeit nicht mehr gesehen und sein richtiges Gesicht auch nicht. Es sah einfach grässlich aus. So dünn, so faltig, so alt. Gelbliche Haut spannte, halb durchsichtig über die hervortretenden Knochen, darunter schien jede Ader sichtbar zu sein. Seine Wangen waren eingefallen, seine Augen schauten ihm müde, traurig und milchig entgegen. Niemals hätte er geglaubt dass er so dürr war und so blass. Natürlich, es war ja nicht sein richtiges Gesicht, nur sein biologisches, wofür er schließlich nichts konnte. Abscheulich.
Aber sein Modem musste wirklich ein altes Modell sein. Nachdenklich betastete er das metallene Kreuz, welches sich über seine Schädeldecke bis hin zur Stirn erstreckte. Bei allen anderen war es nur ein Balken.
Wenn er es so befühlte, kam es ihm fremd vor, obwohl er es nun schon seit Jahrzehnten im Kopf trug. Es drückte und war kalt, als stecke ein eiserner Keil in seinem Hirn. Wie konnte er mit diesem defekten Gerät im Kopf überhaupt noch denken? Wie viel Gehirn hatte man herausgenommen um es hineinzubekommen? Irgendetwas musste dabei doch verlorengegangen sein. Oder nein, wahrscheinlich doch nicht, wenn man vernünftig nachdachte. Es hieß immer, dieser Apparat würde nur in der Schädeldecke sitzen und durch Platindrähte mit dem Gehirn kommunizieren, aber dennoch tat es nun im Kopf weh. Das Hirn spürt keinen Schmerz, lernte man von Kindheit an, also war das nur Einbildung. Wie sollte so ein Komplexes Organ auch sonst noch funktionieren
Er konnte sich nicht mehr länger ansehen, er wollte sein generiertes Gesicht wieder haben. Es war besser und natürlicher, weil er es schließlich nach seinem Geschmack ausgesucht hatte. Das hier war nicht er, das war nur ein Rohling, wie die hässlichen Betonklötze als Rohlinge für die richtigen Gebäude dienten. Es musste sein Modem wieder in Gang bringen.
Als er den Blick angewidert vom Spiegel abwandte, warf er unwillkürlich ein Auge in das danebenliegende Zimmer. Ob es hier sein sollte? Eine Frau saß dort hinter einem durch die Feuchtigkeit aufgequollenen Schreibtisch aus Furnierholz, womit das Zimmer im Gegensatz zu den meisten anderen eindeutig als übermöbliert einzustufen war. Auf dem Tisch stand ein Schild und ein kleiner silberner Gegenstand, den er zunächst nicht einordnen konnte. Zögernd trat er näher, vor Aufregung bebend. „Helpdesk“! „Helpdesk“ war auf dem Schild zu lesen und das metallene Ding war eine Klingel, so eine, wie man sie früher in den feinen Hotels gehabt hatte, wo sie anscheinend keinerlei Zweck dienten. Er war am Ziel. Der Alptraum war vor bei, für immer. Sofort schlug er mit der flachen Hand darauf.
„Ja, was wünschen Sie?“, fragte die Frau sachlich. Das Klingeln hatte sie sofort den typisch flirrenden Blick verlieren lassen.
Der Greis stieß einen Freudenschrei aus. „Sie... Sie können mich verstehen!“, rief er überglücklich. Die Dame erschien ihm wie ein rettender Engel Wie schade, dass er sie nur so, mit kahlgeschorenem Kopf und in diesem grauen Kittel sehen konnte, sie hatte sicher eine sehr hübsche Vorstellung von sich selbst.
Sie erwiderte sein Lächeln nicht und fuhr unvermittelt fort. „Ich nehme an ihr zerebrales Modem ist ausgefallen.“ Die Art, wie sie dies sagte, war so routiniert, dass der Mann sich eine Sekunde lang fragte, ob dies nicht doch öfter passierte, bevor dieser kritische Gedanke wieder in seine Freude versank.
„Ja.“, sagte der Alte, während er unruhig von einem Bein auf das andere trat. „Sie können sich gar nicht vorstellen, wie...“
„Brauche ich auch nicht.“, unterbrach sie ihn rasch. „Welche Fehlermeldung haben sie bekommen?“ Ihre Hände lagen fest gefaltet auf der Tischplatte, Mimik und Gestik sparte sie sich völlig.
„Ich weiß nicht mehr so recht...“, begann der alte Mann zu stammeln, seine überschwängliche Begeisterung wurde plötzlich von aufkeimendem Zweifel benagt. Wenn es daran scheitern sollte, könnte er sich das nie verzeihen, aber was konnte er schon dafür, ohne zusätzlichen Gedächtnisspeicher.
„Ohne die Meldung kann ich ihnen nicht weiterhelfen. Danke.“, schloss sie, worauf ihre Augen begannen in schnelle Bewegung zurückzufallen.
Er wollte schon weitersprechen, besann sich dann aber und schlug erneut auf die Klingel.
„Ja, was wünschen Sie?“, begann sie in exakt dem selben Tonfall wie beim ersten Mal. „Sie waren doch gerade erst hier und ich habe ihnen gesagt ohne die Meldung...“
„Nein warten sie!“, rief der Mann schrill. Ohne Modem zu sprechen war einfach schwierig und frustrierend, aber da musste er jetzt durch. „Ich weiß es ja noch in etwa. Irgendwie muss ich mein Update letzte Woche vergessen haben und dann ging's jetzt einfach nicht mehr.“
„Modell ZM-AIIII15? Microsoft-IBM-Apple Inc.?“
Er zögerte einen Moment und bemerkte dass er in kalten Schweiß ausgebrochen war. „J... ja ich glaube das dürfte es sein.“, brachte er dann heraus. So in der Art hatte es hoffentlich geheißen. Es musste sich konzentrieren, hier ging es um sein Leben.
„Tut mir unendlich Leid. Da kann ich ihnen nicht mehr helfen. Danke.“
Der Alte keuchte auf und schlug erneut, fester als nötig, auf die Glocke. „Warum?“, kreischte er, der Verzweiflung nahe.
„Ja, was... Was meinen sie mit...“, für einen Augenblick schien die Dame verwirrt, ließ sich aber nicht einmal zu einem Stirnrunzeln hinreißen. „Ach so. Das Unternehmen ist bankrott gegangen. Wenn sie das Update letzte Woche nicht gemacht haben, dann ist es jetzt nicht mehr möglich sie mit den aktuellen Systemen kompatibel zu machen. Dan...“
Er wartete diesmal nicht bis sie wieder ins Netz zurückkehren konnte, er brauchte selbst Verbindung, er konnte doch so nicht weiterleben. „Sagen sie mir doch, was ich jetzt machen soll?“, heulte er. Vor seinem Geistigen Auge sah er Magda, die ihm verführerisch zuwinkte. Er musste ins Netz, wenn nicht für sich selbst, dann wenigstens für sie.
„Sie brauchen ein neues Modell.“
„Und wie soll ich das machen? Ich kann doch nicht mehr ins Netz! Wie soll ich denn das ganze bestellen?“ Er konnte nicht mehr, er brach endgültig in Tränen aus. Er fiel über den Tisch und packte sie an den Schultern, doch sie stieß ihn mit einer knappen Bewegung von sich, so dass er schluchzend auf dem Boden liegen blieb.
„Das könnte ich für sie übernehmen. Aber da ihr Kontostand ohnehin für kein neues Modem ausreicht, scheidet diese Option aus. Ich muss sie bitten nun zu gehen. Dank...“
„Aber! Aber!“ er kroch zum Tisch zurück und richtete sich von plötzlicher Hoffnung gestärkt auf. „Ich kann doch etwas in Zahlung geben. Eine Niere zum Beispiel.“
„Es tut mir Leid.“, meinte sie knapp. „Ihre übrigen Organe würden nach einer ausreichenden Tilgung des Neupreises eines Modems nicht mehr zur Lebenserhaltung ausreichen...“
„Was ist mit Armen und Beinen?“, er drückte seine Finger in die Tischkante, bis sie knackten und versuchte durch den Schleier, der sich über seine Augen gelegt hatte in die ihrigen zu blicken. „Die werden doch auch immer gebraucht. Die, mein Konto und noch einige Organe. Reicht das?“
Einen Moment blieb sie Stumm. Ihre Augäpfel flatterten wild umher. Einen bangen Moment lang dachte der Alte, sie sei schon wieder abwesend, doch schon nach einigen Sekunden starrte sie ihn wieder an. „Ja.“, sagte sie. „Das würde für ein Minimummodell genügen. Allerdings muss ich sie darauf hinweisen, dass der Monat gerade erst begonnen hat und ich ihre Rentenzahlung bereits eingerechnet habe. Ihr für die nächsten drei Monate verfügbares Guthaben liegt damit bei Null, danach werden die raten gesenkt. Ich bin verpflichtet sie darauf hinzuweisen, dass ihr überleben alles in allem nicht gesichert sein wird.“
Die vor Aufregung verzerrten Züge des alten Mannes entspannten sich mit einem Mal zu einem sanften lächeln. „Also... also ist es doch möglich?“, presste er hervor. Ihm wurde warm, ein angenehmes, taubes Gefühl breitete sich ihn seinem Körper aus, als falle alle Last der vergangenen beiden Tage von ihm ab. Bald würde es wirklich wieder so sein, er würde wieder leben können. Einen Preis dafür gab es nicht, das Leben konnte man nicht bezahlen, dachte er. Es war immer ein Geschenk und er war dankbar dafür dies noch einmal zu erhalten. Sobald die Operation beendet war, würde er bewusster Leben, er würde alles umkrempeln. Eine Revolution! Magda würde ein neues Aussehen bekommen und diese langweilige Tropenlandschaft sollte auch der Vergangenheit angehören. Etwas Neues würde kommen, etwas exotischeres, ein Strand vielleicht, dunkle Haut für sie... ja genau. Alles würde sich nun verändern, er würde alles verändern.