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Unbeholfen torkelte er aus der Disko und verlor dabei auf der
Treppe beinahe die Kontrolle über seine Beine. Betrunken.
Sinnlos betrunken wie immer, wenn er aus einer Kneipe oder Diskothek
kam. Seine Fingernägel hatten sich tief in seine Handflächen
gebohrt, so dass der Schweiß in den Wunden brannte. Vorn über
gebeugt torkelte er im Stechschritt die Gasse entlang, fuchtelte
dabei mit den Händen über seinem Kopf als könne er so
den kalten Nieselregen, der auf ihn nieder fiel abwehren. Seine
geröteten, feuchten Augen flitzten von einem Pflasterstein zum
anderen, als versuchte er sie zu zählen, wobei sein mahlender
Kiefer immer wieder die Zähne, fast wie von selbst und gegen
seinen Willen, schmerzhaft vom rostigen Blutgeschmack begleitet in
die Unterlippe trieb. Die Stirn war in strenger Konzentration
gerunzelt, so dass die Schweiß- und Regenperlen ihm aus
duzenden von kleinen Furchen wie Wildbäche über seine
abgesengten Brauen in die Augen rannen. Lange wanderte er so, ziellos
wankend um sich schlagend und zählend durch die verwinkelte
Gasse, die von, zumeist vierstöckigen, soliden, Bürgerhäusern
aus dem Mittelalter eingeschlossen wurde.
Plötzlich stieß
er einen spitzen Schrei des Entsetzens aus und blieb stehen. Nur kurz
konnte er sich an der Stelle halten, wurde dann jedoch von seiner
Trunkenheit eingeholt und schlug, ohne auch nur einen Versuch zum
Abfangen seines Sturzes zu unternehmen, auf das Granitpflaster.
Ein
Stein hatte gefehlt. War nicht an seiner Stelle gewesen, wo er sein
hätte müssen
Rote Schleier, samtweich und betörend
nach Moschus duftend, warm wie der Körper eines Mädchens,
hüllten ihn ein und ließen ihn zur Ruhe kommen. Seine
angespannten Muskeln wurden schlaff und die Luft wich ihm in
unendlicher Gelassenheit aus der Lunge. Schlafen konnte er, dessen
war er sich sicher.
Stechender Schmerz durchbohrte ihn, sein
ganzer Körper verkrampfte sich. Seine Brust bäumte sich,
wie von einem elektrischen Stoß durchschlagen, auf.
Doch
auch dies ging wieder vorbei, wenn auch nicht völlig.
Er lag
immer noch ausgestreckt auf dem unebenen Pflaster inmitten der engen
Seitengasse. Sanfter, eiskalter Nieselregen sprühte vom grauen,
doch stockfinsteren, Nachthimmel auf sein Gesicht herab, die
Vertiefungen in seiner Ohrmuschel hatten sich bereits ein wenig mit
Wasser gefüllt. Die tumbe Decke des Alkohols war jedoch
verflogen, ganz so als wäre er nie da gewesen.
Vorsichtig
stützte er sich auf seine schmerzenden Arme. Die Jacke war an
den Ellbogen zerrissen und blutig, dem Gefühl nach seine Hose
ebenfalls. Doch dem Gefühl nach war auch sein Gesicht nicht mehr
als ein zerdrückter Brei. Blut hatte sich in den unregelmäßigen
Ritzen zwischen den Steinquadern angesammelt. So langsam wie möglich,
als fürchte er zu zerbrechen, stand er auf. Erst als er sich auf
seinen Beinen einigermaßen sicher vorkam, brachte er die Kraft
auf seinen schmerzenden Kopf zu heben um einen Blick auf die Straße,
die noch vor ihm lag zu werfen.
Dunkel war sie, dunkel und feucht.
Hatte es geregnet, während er ohnmächtig gewesen war, oder
vorher? Jetzt war nichts zu spüren. Er klopfte seine Kleidung
ab. Nein, er war trocken, auch wenn dass Pflaster, noch warm von der
Sonne des vergangenen Tages, dampfte und Nebel, wie schäumende
Gischt und doch so unendlich langsam, die Gebäude hinaufsteigen
ließ.
Unsicher machte er einige Schritte auf die wachsende,
weiße Wand zu und schritt schließlich, der Unsinnigkeit
seines Zögerns bewusst, in sie hinein. Er wusste nicht, wo genau
er war, dazu war es zu finster, konnte jedoch sagen, dass es kein
weiter Weg nach Hause war, zumal er in der Altstadt wohnte. Immerhin
war er auch zu Fuß in die Disko gelangt.
Hoffte er
jedenfalls.
So stolperte er, abwechselnd das linke und das rechte
Bein schonend, durch die milchig-schwarze Nacht, bis er schließlich
zu Häusern und Geschäften kam, die er als seine
Nachbarschaft identifizieren konnte. Hinter der nächsten
Biegung, war er sich sicher, musste die Kreuzung sein, an welcher
seine Wohnung lag. Nur noch einige Schritte und er müsste sie
sehen können...
Nein, vielleicht war es erst die nächste
Biegung? Hier gab es jedenfalls keine Kreuzung. Das war nun etwas
seltsam. War er denn nicht schon zwanzig Minuten durch diese Gasse
gegangen ohne auch nur auf eine einzige Abzweigung zu stoßen?
So etwas war nicht normal. Wenn er jetzt darüber nachdachte, so
kam e ihm so vor als sei er die ganze Zeit einen unendlichen Schlauch
von Häusern, die er durch den Nebel nicht ausmachen hatte
können, entlang gewandert, immer weiter und weiter, doch nie
näher an sein Ziel heran.
Sein Kopf schmerzte mehr denn je,
wenn er versuchte sich an irgendeinen bekannten Anhaltspunkt in
dieser Straße zu erinnern, wenn er sich glauben machen wollte
nur den falschen Weg gegangen zu sein. Doch Halt! Man konnte doch
auch logisch bleiben. Zwar war es mitten in der Nacht, -wie spät
genau konnte er nicht sagen, da seine Armbanduhr den Sturz auf die
Pflastersteine nicht überlebt hatte- aber wenn er keine andere
Möglichkeit sah, so konnte, ja musste er, wohl jemanden aus dem
Bett klingeln und nach dem Weg fragen. Schließlich... Er war
nur betrunken und hatte sich auf dem Weg nach Hause verlaufen.
Hoffte
er.
Als er nun auf die nächstbeste Tür zugegangen war
und auf den uralten Bronzenen Türklopfer, der einen hässlich
mit den Zähnen fletschenden Löwen darstellte, blickte,
hatte er seinen Entschluss bereits wieder bereut, zwang sich aber
dennoch ihn auszuführen. Erleichtert stellte er fest, dass er
den Löwen nicht zu berühren brauchte, da es neben der Tür
einen normal aussehenden Klingelknopf gab. Kaum hatte er diesen
betätigt, wurde die schwere Eichentür geöffnet und er
stand der Bewohnerin gegenüber. Es war eine blasse, sehr dünne
alte Frau, mit schütterem grauem Haar, bekleidet in einen
Morgenrock der selben Farbe. Mit ihren azurblauen Augen blickte sie
ihn fragend an.
Entschlossen fragte er sie, wie er von hier aus
zur Sedanstraße komme, wie diese Straße heiße und
wo er hier eine Abzweigung oder besser noch eine Kreuzung finden
konnte.
Die Alte nickte und lächelte leicht.
Ein wenig
lauter wiederholte er seine Fragen, in dem Glauben, dass die Frau
vielleicht etwas schwerhörig sei, noch einmal.
Wieder nickte
sie, ihr grinsen verblasste jedoch kaum merklich und wieder fragte er
seine Fragen, vielleicht ein wenig ärgerlicher als zuvor.
Die
alte Frau nickte dieses Mal nicht mehr, sie starrte ihn nur noch an,
ihr Gesichtsausdruck leer und gleichgültig.
Er konnte den
aufsteigenden Zorn kaum noch aufhalten und schrie sie an, ob sie denn
taub sei.
Als sich ihr Gesicht daraufhin zu einer wütenden
Grimasse der Kränkung verzog und sie einen tonlosen Schrei, nur
durch ihre Mimik sichtbar, von sich gab, da war es führ ihn
genug. Mit aller Kraft packte er sie an den Schultern, schüttelte
sie, schlug und beschimpfte sie. Er kämpfte, obwohl ihr der
Nebel zu Hilfe kam und ihn töten wollte, ihn wegriss, bis sein
Brustkorb heiß durchbohrt seine Seele entließ. Ein
zweites Mal an in dieser Nacht fiel er, doch konnte er froh darüber
sein, dass dies nie wieder geschehen sollte.
„...ja, und
ich sage ihnen Sturzbetrunken war der Kerl! Muss schon seit einiger
Zeit die Straße entlanggelaufen sein, man hat ihn grölen
gehört. Und dann bricht der da ein und versucht sie umzubringen,
sie den musste ich einfach abknallen...!“