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Ich war in meinem sechzehnten Jahr, und machte mir somit schon Gedanken darüber, ob ich nicht den elterlichen Hof verlassen sollte um in einer der Städte ein Handwerk zu erlernen, oder mich den Legionen des Königs anzuschließen, als die Orkkriege, die ich zuvor nur von Gerüchten gekannt hatte, begannen auch Einfluss auf unsere Gefilde zu nehmen. Immer häufiger machten königliche Ritter mit ihren Pferden an unserem Hof Station, und es wurde uns immer schwieriger genügend Nahrung für sie auf zu treiben. Bekamen sie nicht ausreichend, oder zu viel Wein so wurden sie oft grob und begannen ihren Frust an der ärmlichen Einrichtung unseres Hauses auszulassen. Nicht selten fing auch ich mir Prügel ein.
Eines Tages sprach sich herum, dass der König alle alle wehrfähigen Männer von vierzehn bis fünfzig einziehen lassen wollte, um sie an die Front, den Orken entgegen zu schicken. Ich war mir nun klar, wie schlecht es um das Königreich stand. Ich wusste genau, dass ich den Gang an die Front nicht überleben würde.
Schon am Abend standen zwei Gardisten an unserer Tür und verlangten, dass alle Männer herauskommen sollten. Ich konnte ihr Geschrei bis in meine Dachkammer hören. Die Furcht vor dem Kampf, die ich mir ausgemalt hatte drohte nun Realität zu werden. Über das schlammige Schlachtfeld in den Tod zu rennen um schließlich an einer klaffenden, brandigen Wunde zu sterben, war das, was ich unter Krieg verstand. Ich wollte nicht das letzte was ich in meinem Leben sah eine grinsende Orkfratze sein lassen. Ich durfte sie mich nicht finden lassen, musste mich verstecken!
Ich kletterte auf meine Schlafkiste, packte einen Längsbalcken des Dachfirstes und zog mich mit der Kraft des Verzweifelten hinauf. Oben kauerte ich mich in die finsterste Ecke am Dachende des Balkens. Ich versuchte nicht an den pochenden Schmerz, welcher in meinen von Holzsplittern zerschlissenen Händen stach zu denken und bemühte mich meinen hysterisch keuchenden Atem zu unterdrücken.
Die schweren, rasselnden Schritte der Gardisten waren nun auf der Treppe zu hören. Sie durchsuchten wohl das ganze Haus, um sicher zu gehen, dass sich niemand, wie ich, vor ihnen versteckte. Die Tür wurde aufgerissen und ein verwahrlost aussehender Ritter mit stoppeligem Bart, fettigen Haaren und verbeulter Plattenrüstung trat ein. "Wer hat in den Dachzimmern hier gewohnt, Frau?", grölte er die Treppe hinunter. "Du hast gesagt, dass nur eure Mann da ist. Wenn du hier einen Knecht vor uns versteckst, werden wir den Hof niederbrennen, damit er rauskommt." Er lachte heiser. " So hört doch Herr!", schluchzte meine Mutter. " Ich sagte euch, dass wir einen Knecht hatte, jedoch hat er uns schon vor einem Mond verlassen um sich den Guten Milizen des Königs anzuschließen. Bitte, so glaubt mir doch!"
Mutter brach in ein so schreckliches Schluchzen aus, dass ich schon mit dem Gedanken spielte einfach von dem Balken zu springen und mich dem Gardisten zu stellen. Dies hätte unsere Lage wahrscheinlich nur verschlimmert, da sich die Schergen des Königs nun als im Recht angesehen und uns am Ende doch den roten Hahn aufs Dach gesetzt hätten. Auch an einen Kampf wollte ich gar nicht erst denken, denn auch wenn ich den Mann mit einem Satz von dort oben bewusstlos zu schlagen, so hätte mir sein Schwert doch nicht viel gegen den Zweiten genützt, zumal ich noch nie ein solches in der Hand gehalten hatte. Also harrte ich in meinem Versteck aus.
"Ist schon gut, Frau. Ich muss dir aber sagen, dass du dein Haus verlassen und dich zur Burg flüchten musst, denn die Orkenfront ist nicht mehr als zwei Tage entfernt.",gluckste der zerlumpte Gardist und verließ meine Kammer.
Erst als es dunkel war, ließ ich mich zu Boden gleiten und ging hinunter in die Stube. Mutter hatte ihr Gesicht in den Händen verborgen und weinte.
"Sie haben deinen Vater mitgenommen. Jetzt, jetzt... ist unser Hof und..."
Ich versuchte nicht zu trösten, sondern sagte ihr nur, dass sie zu Bett gehen sollte, denn am folgenden Tag mussten wir uns auf den Weg zur Veste machen, welche einen halben Tag entfernt lag.
Schon vor Morgengrauen brachen wir mit nichts, außer dem, was wir am Leibe trugen, auf. Je näher wir der Festung kamen, um so mehr Leuten begegneten wir, die sich auf dem selben Weg befanden. Wir waren nur langsam vorangekommen, und als wir die Burgtore erreichten stand die Sonne bereits blutrot im Westen. Als ich das Torhaus erreichte hielt mich eine der Wachen auf.
"Halt! Du siehst mir aus, als hätten dich die Garden übersehen. Na, das ist gut, denn wir können keinen Mann an den Wällen entbehren, wodurch aber das niemand da ist um das Tor im Notfall herunterzulassen. Folg mir!" Er packte mich am Arm und zog mich hinter sich her in das Torhaus, über die steinerne Wendeltreppe hinauf. Mutter hatte ich aus den Augen verloren.
Der Raum über der Toröffnung war klein und feucht. An der östlichen Wand befanden sich die Seilwinden und das Hölzerne Tor, welches durch eine Spalte im Boden nach unten gelassen werden konnte. Zwei Schießscharten blickten auf die Straße, nach Außen, ein Fenster auf den Burghof, in welchem schon sehr viele Flüchtlinge ihr Lager aufgeschlagen hatten. "Du musst, sobald die Orks anrücken das Tor runterlassen. Da du sich nicht stark genug für die Winde bist, schneidest du das Seil durch. Dort drüben schläfst du." meinte der Soldat und drückte mir eine einfache Hacke, wie man sie zum Schlagen von Holz verwendet in die Hand. Außerdem wieß er mich noch auf den Leib Brot und den Wasserkrug neben dem Strohhaufen, welcher mir als Schlafstatt dienen sollte hin. Danach ging er hinaus.
In den nächsten Tagen hatte ich das Torhaus nur verlassen, um den Abstieg zu besuchen, da man mich daran hinderte in den Hof zu gehen. Die Wachen meinten ich solle meine Pflicht nicht vernachlässigen. So verbrachte ich einige höchst unangenehme Tage in feuchter Einsamkeit und bei schlechter Verpflegung, wohl wissend das viel von mir abhing und, dass mir das schlimmste noch bevor stand.
Am Morgen des fünften Tages jagte ein Reiter den Weg durch die graßbewachsenen Hügel zur Burg hinauf. Er versetzte mir zuerst einen großen Schrecken und ich hätte beinahe das Seil durchtrennt, womit ich sicher einige Flüchtlinge, noch auf der Wanderschaft, in den Tod geschickt hätte. Im letzten Moment jedoch erkannte ich, dass es sich um einen Königsboten, in der hellen Wollkluft, handelte. Durch das Fenster zu Hof konnte ich mitbekommen, was er zu berichten hatte.
Man hätte den Boten, wäre er nicht so rasch und geschickt geritten für einen des Zwergenvolkes halten können, da seine Größe für einen Menschen geradezu absurd erschien. Aufgelöst sprang er von seinem Kaltblut und rannte zum Hauptmann der Burgwache, welcher gerade im Hof einen Kontrollgang unternahm.
"Die Ritter ziehen sich zurück! Die Orken greifen ebenfalls mit Reiterei an und unsere Schwerter sind so gut wie machtlos gegen ihre berittenen Pikiniere. Wir müssen unsere Leute in die Burg schaffen, nur dann haben wir noch eine Gelegenheit sie zu schlagen. Ihre Belagerungsmaschienen und die Fusstruppen sind schon lange zurückgeblieben oder von unseren Milizen aufgerieben worden. Die Verluste auf beiden Seiten sind Enorm, aber wir können siegen!"
Der Hauptmann nickte nur und gab seinem Begleiter ein Zeichen. Dieser Stieß in ein großes gewundenes Horn. Die Wirkung dieses klaren, tiefen Tones auf die Soldaten war erstaunlich: Überall hallte es "Auf die Wälle!", "Bogenschützen an die Zinnen!" und "Die Kessel mit dem Öl an den Pechnasen bereithalten!" Wie Ameisen drängten sich die Gepanzerten auf die Wachgänge der Burgmauern. Einer wurde im allgemeinen Chaos von der Südmauer gestoßen und ging mit einem Aufschrei zu Boden. Niemand achtete auf den Körper, der reglos auf dem Pflaster lag. Die Flüchtlinge rannte aufgeschreckt hin und her, kaum einer hatte mitbekommen worum es ging, doch verstanden die meisten.
Ich nahm das Beil und presste mein Auge gegen eine der Schießscharten.
Die kläglichen Reste der Königlichen Ritter, wohl nicht mehr als zehn Mann, kamen mit großem Tempo über den Hügel geritten. Sie wurden dicht auf dicht von einer Unzahl dunkler Gestalten mit langen Speeren, die auf untersetzten, schmutzigen Pferden -erstaunlich schnell für ihre Größe- ritten verfolgt. Alle hielten auf das Burgtor zu.
Da! der erste Reiter hatte das Tor passiert und die anderen folgten ihm. Ich konnte nicht mehr länger warten. Ich musste das Seil kappen. Der letzte! Jetzt!
Ich holte zum Schlag aus, doch das Beil entglitt meinen verschwitzten, ungeschickten Händen und fiel klirrend zu Boden. Das unmenschliche Geschrei im Hof verriet mir, dass bereits Orken eingedrungen waren und die Reiter zurück, über die Lager der Flüchtlinge trieb.
Der zweite Schlag saß.
Das Tor fiel krachend hinunter, traf einen Ork, riss diesen vom Pferd und zerbarst am Boden.
Die bösen Reiter hielten die Trümmer nicht lange auf und weitere, viele sprangen von den Pferden herunter, fanden ihren Weg in den Hof. Ich hatte versagt.
Im Hof waren die Orks ein leichtes Ziel für die Bögen der Soldaten und auch die Ritter kämpften tapfer, jedoch waren schon viele Unschuldige zwischen sie geraten, wurden zertrampelt oder niedergemetzelt. Einige besonders zähe Orks versuchten die Wälle von Innen her zu erklimmen, wurden aber bald mit gespaltenen Schädeln zurückgeworfen. Die Piken der vor der Burg verbliebenen zersplitterten an den Mauern.
Die Schlach war bald entschieden. Mit Lanzenreitern ist eine Burg nicht zu bezwingen. Hätte ich meine Pflicht schneller erfüllt, so hätten sich die Verluste der Burg wohl auf einige Wachen beschränkt. Ich wartete nicht darauf, mir anzuhören, was man zu meiner Schande sagen würde und versuchte auch nicht heraus zu finden, ob Mutter noch lebte. Sobald ich merkte, dass die Orken zurückgeschlagen waren, kletterte ich über die Trümmer und Leichen am Tor und verließ die Burg.
Ich konnte nur hoffen, dass die Götter mir meine Verfehlung, und die vielen Leute die durch sie gestorben waren, verzeihen würden und ich somit doch noch Glück im Leben haben konnte. Meine Mutter, so bin ich mir sicher hat den Angriff überlebt, denn wir waren einige der ersten Flüchtlinge, und sie hielt sich sicher nicht nahe des Tores auf.
Fest steht, dass ich ihr mit dem was ich getan habe nie wider unter die Augen treten könnte.