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Warum es in Rothenlohe keine Grabesruhe gibt.

Eine Legende aus dem Kleinherzogtum Rothenlohe

von Felix M. Hummel

fmhummel(at)gmail.com

Begonnen: 25. Januar 2006

Beendet: 5. Februar 2006

 

Trifft man einen Wanderer aus Rothelohe, was zugegeben nicht sehr häufig vorkommen wird, da die Bevölkerungszahl des Herzogtums kaum Abgänge erlaubt, so kann man verwundert feststellen, dass ihm jeglicher Begriff von Grabesruhe völlig fremd ist. Er wird die Aufregung über ein geschändetes Grab ebenso wenig verstehen, wie er zögern wird selbst eines aufzugraben. Manche halten die Rothenloher aus diesem Grund für gemeine Diebe, welchen nichts heilig ist, doch liegt man mit dieser Vermutung falsch.

Zuerst einmal ist dem durchschnittlichen Rothenloher, der reinen Vorsicht halber, alles heilig, was in irgendeiner Weise in einem religiösen Kontext stehen könnte. Diese Haltung fußt auf den Erfahrungen der regelmäßigen Glaubenskriege, welche in der Schrift „Stell dir vor es ist Inquisition und keiner geht hin“ behandelt werden.

Zum zweiten ist es in dem Kleinherzogtum nicht üblich Grabbeigaben zu den Toten zu legen, da man sich schlichtweg nicht sicher ist, was nach dem Tod geschieht. Hier ist auch der Punkt an welchem die Geschichte der Grabesruhe von Rothenlohe beginnt:

 

In den Katzengoldenen Zeiten von Rothenlohe, in den Jahren der Regentschaft von Oskar I. dem Älteren, kurz nach der Gründung des Kleinherzogtums, als noch Friede unter den Religionen herrschte lebten einst drei Brüder, von welchen jeder sein Leben der Huldigung eines anderen Gottes verschrieben hatte. Die Drei verband eine innige Freundschaft, so dass sie sich jeden Abend bei Sonnenuntergang unter der großen Eiche an der Kreuzung zwischen Ratzbach und Seedorf einfanden um dort auf einem Stein zu Sitzen und bis tief in die Nacht hinein über ihren Glauben, die Welt, das Leben, die Sterne am Himmel und, wie man sich erzählt, über das tägliche Mittagessen zu diskutieren. Man sah sie dort zu jeder Jahreszeit und bei jedem Wetter. Sie kamen aus Ratzbach, Schindangerburg und Seedorf den weiten Weg hinauf ohne sich je zu verspäten, ohne einen Tag zu versäumen, egal wie hoch der Schnee lag oder die Sonne brannte und trafen stets zur gleichen Zeit ein. Nichts änderte sich daran als sie älter wurden, keine Macht der Welt konnte ihre Routine stören.

Eines Tages im Herbst jedoch, fanden die Brüder neben ihrem trauten Stein ein frisches Grab auffanden. Das grob bemalte Totenbrett stand nicht weit davon an der Weggabelung und teilte ihnen in geschwungenen Lettern mit, dass der Torfstecher Wolfram Breitenbittel sein Leben gelassen hatte. Andächtig sahen die Drei darauf hernieder und standen für einige Stunden schweigend neben dem niedrigen Erdhaufen.

Es dauerte lange, bis der Jüngste von ihnen, der der auf dem Pfad der Ratte wandelte die Stimme erhob und die Frage an seine Brüder richtete, wohin sie wohl glaubten, dass der Tod den Körper führe.

Als hätte diese Frage den Bann gebrochen ließen sich die drei auf dem Stein nieder, runzelten die Stirn begannen angestrengt zu denken.

Der erste der seine Stimme wiederfand, war der Anhänger des Tasghat, da ihm die seine schließlich heilig war. Er sprach lange und in gewählten Worten davon, wie Tasghat den Tod bestimmen könne, wenn kein Unheil mehr von einem Menschen zu erwarten war, aber auch, wie Seqanek dem Unheil ein vorzeitiges Ende setzen konnte, da er nur all zu oft die Macht gezeigt hatte sich gegen Tasghatareniorduschat durchsetzten zu können. So könne also nach dem Tode nichts mehr kommen, denn er sein ein Aufgehen in der Stimme und im nichts und in Tasghats Leiden.

Die beiden anderen sahen sich für eine weile betroffen an bis sie darin überein kamen, dass sie die Rede ihres Bruders nicht nur deprimierend fanden, sondern auch nur einen winzigen Bruchteil davon verstanden hatte. So erhob der, der den Pfad der Großen Ratte beschritt, das Wort:

Er meinte, dass ein jeder sehen könne, wie heilige Ratten den Gräbern entstiegen und sah die ganze Angelegenheit damit als erledigt an. Auf das Drängen seiner Brüder hin entschloss er sich dann aber doch, sein Wissen weiter auszuführen.

Das Fleisch Verstorbener diene, wie man doch wusste, dem Getier der Erde zur Nahrung, so also auch den Ratten. Da er sich sicher war, dass der Geist des Menschen im Körper stecken musste, konnte es jedoch nicht sein, dass die Ratten den Körper ganz vertilgten, denn sie als göttliche Wesen konnten sich nicht mit dem Geist eines Menschen beflecken. Doch es blieben ja, wie ein Totengräber kürzlich in den Katakomben des Tasghatklosters nachgewiesen hatte, die Knochen für längere Zeit erhalten. Hierin musste also die wahre Seele des Menschen stecken. Nun wäre es jedoch, wie er glaubte, unerträglich für ewige Zeiten in einem beinernen Gefängnis unter der Erde zu stecken. Es bedürfe also einer Art Übergang, die dafür sorge, dass die Seele in die Freiheit gelangen könne um wieder in den Kreislauf einzugehen. Dazu, postulierte er, würden die Ratten in alle Knochen kleine Türen nagen, die die Seele zu verlassen ihrer Hülle verwenden könne.

Der Tasghatjünger klagte nach diesen Worten über Kopfweh und rieb sich mit gequältem Gesicht die Stirn, doch sein Kollege welcher die Hyäne verehrte, setzte zu heftigem Einspruch an:

Ratten würden nur dann an einem Leichnam nagen, wenn sich dieser wider der Hyäne versündigt hätte oder der Priester bei der Beerdigung einen Fehler begangen habe. Auch meinte er, dass die Seele keine Türen brauche um zu entfliehen, also würden sie die Ratten auch nicht nagen. Vielmehr käme jede Nacht nach dem Tod des Gläubigen der Geist der Hohen Hyäne zu ihm um einen Bissen des Heiligen Toten Fleisches mit sich in der Göttlichkeit zu vereinen, bis nicht einmal mehr die Knochen übrig blieben. Freilich brauchte sie für letztere einige hundert Nächte mehr, je nachdem wie gut sie der Boden aufweichte. So, sprach er weiter, würde jeder dereinst mit der Göttin eins und irgendwann, wenn sie satt und fett geworden sei, würde die gesamte Gemeinschaft der Gläubigen mit ihr in der Zufriedenheit eines beendeten Mahles in Ewigkeit schwelgen.

Der Rattenpriester meldete Zweifel an und so kam es dass die beiden weiter stritten, auch als ihr Bruder schon lange gegangen war. Am Morgen kamen sie darin überein, dass nur ein Beweis ihren Zwist beilegen konnte.

Mit einer Schaufel machten sie sich an die Arbeit, aber so viele Gräber sie auch auf allen Friedhöfen Rothenlohes aushoben, sie fanden weder die Bissspuren der Hyäne, noch die Seelentüren der Ratten. Bei jedem Grab begannen sie erneut zu streiten, ob der Tote vielleicht der jeweils anderen Religion angehört habe und darum gevrefelt habe, oder ob er sich in einer anderen Art versündigt hatte, denn ihnen war klar, dass nur ein wahrer Gläubiger diese Male der Sehlichkeit aufweisen konnte. Bis zu ihrem Tod kamen sie zu keinem Ergebnis, so dass sie ihren Streit weiter vererbten.

Dies ist der Grund, warum man in Rothenlohe alle heilige Zeit die Gräber der verstorbenen öffnet um nachzusehen, ob nicht einer davon ein Heiliger gewesen sei.

 

Interessante Anmerkung: Nekromantie in Rothenlohe

 

Nekromantie so gut wie unbekannt. Man weiß zwar von ihrer Existenz, doch versteht die gemeine Bevölkerung die Aufregung mancher Ausländer darüber nicht, während die allgemeine Lehrmeinung bei der Frage steckengeblieben ist, was an so ekeligen Dingen überhaupt interessant sein soll. Ab und an tauchen dennoch Gerüchte darüber auf, dass im Kloster des Tasghatareniorduschat angeblich umfassende Studien zu diesem Thema betrieben werden. Da als Beweis jedoch zu meist auf die großen Bestellungen von Weingeist in das Gemäuer, der angeblich zur Konservierung der Versuchsobjekte benötigt wird, verwiesen wird, endet das weitergeben solcher Anschuldigungen meistens in Gelächter. Fest steht nur, das Volk das Waldgebiet um das Kloster meidet. Andererseits steht die Frage im Raum, warum es dort überhaupt hingehen sollte. In der Öffentlichkeit gibt sich der Orden passiv zu diesem Thema.

Der Pfad der Ratte lies auf Nachfrage verlauten, dass man Nekromantie als Frechheit betrachtet und jeden, der sie praktizierte, ausschließen würde.

Ein Priester der Hyäne meinte lediglich: „Die Hyäne kann auch jagen. Laufender Aas? Wo ist das Problem für sie?“ Dennoch ist man sich allgemein darüber einig, dass kein Anhänger der Hyäne Interesse an dieser Wissenschaft hat, da sie wirklich dazu taugt, das Leben zu erleichtern.

Seltsam ist hingegen, wie viele, wenn auch meist sehr volkstümliche, Geschichten über freie Untote kursieren. Die einzige, welche sich davon bestätigen lässt ist ein Fall von Vampirismus in der Umgebung um Moderbrunn vor wenigen Jahren, welcher zur ein Gesetz zur folge hatte, dass eine Graböffnung nur noch mit ausreichender Bewaffnung -worunter Schaufeln ausdrücklich nicht fallen- durchgeführt werden darf. Auch die so stimmungsvollen Nachtöffnungen im Fackelschein wurden dabei untersagt.