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Provinzblatt

die erste Galgenstrickgeschichte (neue Fassung)

von Felix M. Hummel

Begonnen am: 6. Januar 2004

Beendet am 7. Januar 2004

Beschwerden, Ideen und sowas an biosynthg08@gmx.net


Die Welt hatte sich im letzten halben Jahr sehr verändert, zumindest für jene, die direkt davon betroffen waren. Ein Sache war aufgekommen, die allen immer noch völlig unglaublich erschien und trotz der langen Zeit immer noch nichts von ihrem Medieninteresse eingebüßt hatte. Mittendrin in dieser neuen Weltsituation stand ich, ein kleiner, popeliger Journalist, Chefredakteur und Besitzer des „Lokalen Anzeigers“, einer Lokalzeitung, die sich so schlecht verkaufte, dass wir uns fast nur durch Werbung finanzierten. Ich hatte gedacht, dass diese Seuche, Russell-Pest, wie man sie oft nach ihrem Entdecker, oder wie manche munkelten Schöpfer, nannte, mir mehr Möglichkeiten schaffen würde, erstaunliche und aufdeckende Journalistik zu betreiben böte. Monatelang hatte ich mich in die düstersten Kreise von Verschwörungstheoretikern, Okkultisten und anderen Spinnern begeben und alle Informationen gesammelt, auch wenn sie mir noch so abwegig erschienen waren. Dabei waren jene, dass die Russell-Pest eine außerirdische Invasion darstellte nicht ein mal die ulkigsten, gab es doch immer noch Leute, die glaubten, sie sei eine Nachricht Gottes, der uns durch diese Mutationen läutern und ins Paradies führen wollte. Nun, die eigenartige Natur dieser Krankheit schuf auch einen einladend großen Raum für die mannigfaltigsten Spekulationen. Bei allen beobachteten Infizierten war verstärkter Haarwuchs am ganzen Körper, fast einem Fell ähnlich festzustellen, sowie eine Deformation von Finger und Zehennägeln. Das seltsamste und radikalste waren jedoch die Verformungen von Knochen und Knorpel: Das Kukucksbein verlängerte sich um etwa einen Halben Meter und bildete somit eine Art Schweif über dem Hinterteil der betroffenen bildete. Das Gesicht drückte sich schnauzenartig nach vorne, was auf eine kurzzeitige Erweichung und Verfestigung der Knochen zurückzuführen war, wobei auch die Ohren ihre Form und Lage veränderten. Auch ansonsten kam es zu unterschiedlichen Entstellungen, wie Pigmentstörungen der Augen oder Verhornung bestimmter Hautpartien, wie der Nase und Handflächen, Verlust der Zähne und spärliches Nachwachsen von stark Verformten. Wie das ganze von statten ging, verstand man nicht und auch die Dauer der Veränderungen und ob die Personen sie bewusst erlebten, schienen zu variieren. Manche Augenzeugen berichteten von sich in Schmerzen windenden Opfern, die sich innerhalb von Minuten alle Merkmale entwickelten, andere wiederum sollte es im Schlaf überrascht haben, so dass sie bis zum Morgen nichts davon bemerkten. Die Fachwelt war dabei ebenso ratlos wie redselig. Ständig erschienen neue Experten, die Theorien, haarsträubender als die Außerirdischen oder die Gnosis, zum besten gaben und schon bald wieder verschwanden. Mit einer einzelnen Ausnahme. Die US-amerikanische Firma Swerin American Pharma, die sowohl Medikamente vertrieb, als auch eine Autorität in der medizinischen Wissenschaft darstellte, hatte mit ihrem Expertenstab bisher die einzigen anerkannten Theorien aufgestellt und war somit zur Quelle fast allen Wissens, das man über diese Seuche hatte, geworden. Umstritten war nur, ob diese Russell-Pest, von SAPharm offiziell als SCPM -meist mit Syndrom of Chaotic Physical Mutations beschrieben, obwohl niemand genau wusste was es bedeutete, wirklich Wahnsinn hervorrief. Man kam schließlich damit überein, dass man die Infizierten zu einer Art Hausarrest verurteilte, wobei sie von Angehörigen, die von medizinischen Diensten unterstützt wurden, betreut wurden. Man hatte zwar mit einer Quarantäne begonnen, doch der Infektionsmechanismus schien komplizierter zu sein, als dass das, wohinter man einen Virus vermutete, durch einfachen Kontakt übertragen werden könnte.

Ein klopfen an der Tür schreckte mich auf, meine Sekretärin Frau Berla, eine kleine, ältliche Polin, betrat mein Büro. Fragend blickte ich zu ihr hinüber.

„Krüger hat gerade angerufen.“, teilte sie mir mit steifer Mine mit.

„Und? Was gibt's Neues?“, fragte ich interessiert. Krüger war ein junger Mann, den ich zur Recherche angestellt hatte. Schließlich, hatte ich auf meiner Exkursion zu den Konspirationstheoretikern einige interessant klingende Dinge über SAPharm herausgefunden. Man behauptete, dass sie SCPM, oder wie auch immer, als fehlgeschlagenes medizinisches Experiment verbrochen hätten, oder natürlich sie seien Außerirdische, beziehungsweise Weltuntergangspriester. Fest stand auf jeden Fall, dass Professor Russell verschwunden war und SAPharm, wo er bis dato gearbeitet hatte, ihn in den USA wegen Industriespionage polizeilich suchen ließ. Meine Quellen meinten, dass er Chefwissenschaftler des Entwicklerteams gewesen wäre, dass an SCPM gefeilt hätte und schließlich den Verstand verloren hatten. Auf die Frage warum man so einen Virus herstellen sollte, konnten sie mir aber keine Antwort geben. Als ich nun fest stellte, dass der Sohn meines Nachbarn eine Buchhalterstelle in einer der deutschen Niederlassungen der Firma antreten wollte, bot ich ihm ein Honorar für alle Informationen an, die er mir über die Firma bringen könnte.

„Tjaa...“, seufzte die Sekretärin. „Er hat nur gesagt, er kündigt.“

Der Mund blieb mir offen stehen. „Warum zur Hölle, was ist denn? Er hat doch noch gar nichts hergebracht. Zahle ich nicht genug oder wie?“

„Er hat nichts weiter erzählt.“

„Verdammtnochmal!“, brüllte ich und schlug die Fäuste auf den Tisch, so dass die Sperrholzplatte bedrohlich wackelte. „Kann denn nicht irgendjemand mal das tun, was man ihm sagt? Ich werd' ihn mal anrufen.“

Frau Berla schüttelte den Kopf. „Nein, er hat auch gesagt, sie sollen ihn nicht mehr anrufen.“

„Hat er Angst oder was?“, wollte ich, meine Wut etwas kühlend, wissen.

„Nein, er klang sehr gefasst, er hat nur...“

„Ja, gut, gehen sie!“, unterbrach ich sie. „Gehen sie einfach.“

Ich musste meinen Ärger erst einmal abkühlen lassen, bevor ich weitere Schritte bedenken konnte, der beleidigte Blick auf dem Gesicht meiner Sekretärin war sicher nicht von Dauer.

Es war ehrlich eine Schande, diese Informationsquelle zu verlieren, bevor ich überhaupt einen Nutzen aus ihr ziehen konnte. Ich hatte so viele Hoffnungen darauf gesetzt. Also war ich nun zurück bei Agenturmeldungen und der wundervollen Welt der Sportvereinsjubiläen und Kaninchenzüchtermeisterschaften. Bei dem Gedanken wurde ich sofort depressiv. Das Geschäft lief schlecht, ich hatte hier in der Stadt einfach zu viele Konkurrenten. Hätte ich nur auf meinen Vater gehört, der mich damals, ganz nebenbei, drauf hingewiesen hatte, dass eine Kleinstadt in der Pampa der Oberpfalz mit zwei Tageszeitungen bereits mehr als versorgt war. Nun musste ich sehen, dass ich wieder auf die Beine kommen würde, oder das ganze übriggebliebene Geld irgendwie verschwinden lassen und für die Zeitung Insolvenz anmelden. Aber das konnte ich meinen Angestellten nicht antun. Vielleicht sollte ich sie lieber vorher entlassen, denn die anderen Zeitungen suchten noch ein paar Leute.

Das Telefon klingelte, ich hob den Hörer ab. „Michael Schleifer, Chefredaktion des Lokalen Anzeigers.“, ratterte ich den üblichen Sermon herunter.

„Ah, guten Morgen. Schön, dass ich sie persönlich erwische. Dr. Anton Theodor mein Name. Ich hätte da ein paar Dinge, die sie sicher interessieren würden.“, schallte mir die recht freundliche Stimme eines älteren Mannes entgegen.

Ich war sofort ganz Ohr. „Gut. Worum dreht es sich?“

„Nun, ich kam nicht umhin mitzubekommen, dass sie sich für die Angelegenheiten um Swerin American Pharma herum interessieren.“, fuhr Theodor fort. „Ich hab dort einige Einblicke erhalten und wäre bereit, diese mit ihnen zu teilen.“

Meine Stimmung besserte sich schlagartig, man konnte schließlich nicht immer Pech haben. Trotzdem versuchte ich meine Stimme neutral zu halten, als ich ihn fragte: „Und... was würde mich das kosten?“

Am anderen Ende der Leitung hörte ich es kurz glucksen. „Nichts natürlich. Ich mache das aus gutem Willen und aus Wut. Man könnte sagen, ich bin persönlich betroffen. Ich werde einmal bei ihnen vorbei schauen. Bis wann ist es ihnen recht?“

„Jederzeit, hier ist sowieso alles am einschlafen.“, antwortete ich, während ich noch versuchte mein plötzliches Glück zu verdauen.

„Gut. Dann komme ich gleich vorbei.“

Ich legte auf. Unglaublich! Eine solche Chance hätte ich mir nie Träumen lassen, das war vielleicht mein Sprungbrett zum Ruhm. Ich zog eine quietschende Schreibtischschublade auf und kramte darin nach eine Dose Pfefferminzpastillen. Mit zittrigen Fingern öffnete ich sie und warf mit eine Handvoll der weißen Kügelchen in den Mund. Anstatt sie zu lutschen zerkaute ich sie schnell, denn ich versuchte mich abzureagieren. So viel emotionale Aufregung hatte ich das letzte Mal gehabt, als ich mich um einen Werbevertrag mit einem örtlichen Knopffabrikanten bemühte. Damals war es geplatzt, doch dieses Mal konnte mir nichts mehr dazwischen kommen. Dieses Mals war ich es, der ein Angebot bekam.

Es dauerte noch über eine halbe Stunde, bis mir Frau Berla durch ein harsches Klopfen an der Tür die Ankunft eines Besuchers mitteilte. Ich musste sie wirklich sehr verärgert haben. Schließlich trat ein gebeugter, weißhaariger Mann ein, den ich so etwa auf siebzig schätzte obwohl ich glaubte, dass ihn sein Mantel und Hut älter erscheinen ließen. Er zog den Hut und ich wies ihn auf einem Stuhl mir gegen über hin. Nachdem wir uns gegrüßt hatten, konnte es losgehen.

„Zuersteinmal will ich wissen, wie sie auf mich aufmerksam geworden sind.“, fragte ich ihn offen.

Dr. Theodor rückte näher an den Tisch. „Ehrlich gesagt, war das nicht zu überhören. Sie haben ja überall herumgefragt wo sie nur konnten. Meiner Meinung nach waren sie ein bischen unvorsichtig. Und der Grund, warum ich ihnen verraten will, was ich weiß, ist dieser.“ Er griff in seine Jackentasche und zog einen Umschlag mit zwei Polaroidfotos hervor. Das eine zeigte eine von der Russell-Pest infizierte Frau, schwarzhaarig, mit Fell von der selben Farbe. Sie hatte das typische irgendwie hyänenhafte Aussehen und mochte wohl einmal recht hübsch gewesen sein. Die Frefel, die diese Krankheit beging...

Auf dem anderen Bild war ein ebenfalls befallener Mann zu sehen, der jedoch, auch wenn man die Entstellung von SCPM berücksichtigte, seltsam aussah. Sein Gesicht wirkte zu kurz, scharfe, kantige Zähne ragten aus der Schnauze und die Augen waren übermäßig groß. Ich blickte meinen Gegenüber verständnislos an.

„Meine Tochter Anna.“, seufzte er „Und ihr Verlobter. Mein zukünftiger Schwiegersohn, Friedrich Berg“

„Tut mir Leid für sie.“

Er schüttelte den Kopf. „Nein, nein. Darüber brauchen wir nicht reden. Es hat mich auf jeden Fall dazu gebracht Farbe zu bekennen. Früher habe ich immer alles nach Laissez-faire gehalten und immer geglaubt es würde sich alles von selbst lösen. Doch nun habe ich alles selbst in die Hand genommen. Dabei habe ich viele Leute gefunden, die genauso denken wie ich. Wir haben zusammen Quellen entdeckt, die uns direkt über alles informieren können, was die Seuche betrifft. Wir versuchen so unser Recht einzufordern. Wir werden SAPharm verklagen, wenn möglich. Allerdings sind wir noch nicht an die Öffentlichkeit getreten. Dazu brauchen wir sie.“ Er blickte mich bedeutungsvoll an.

„Fahren sie fort!“, erwiderte ich.

„Wir haben schon einiges herausgefunden. Es ist ziemlich sicher, dass eine Forschergruppe um Russell zumindest teilweise dahinter steckt. Er hat tatsächlich für SAPharm gearbeitet und verschwand irgendwann vor einem halben Jahr spurlos. Zur selben Zeit etwa brach das ganze im mittleren Westen der USA aus. Wir schleißen daraus, dass er wohl nicht ganz unschuldig an der Sache ist. SAP setzt auf jeden Fall alles daran diese Sache zu vertuschen, vermutlich im weitere Skandale zu vermeiden. Sie arbeiten zwar daran, sind aber anscheinend noch sehr weit davon entfernt begangene Fehler wieder gut zu machen. Ihre Niederlassungen haben eine sehr hohe Sicherheitsstufe, alles arbeitet auf Hochtouren. Aber wir wissen nicht, was genau vor sich geht und was genau hinter all dem steckt.“

Ich tippte mit dem Zeigefinger gegen mein Kinn. „Wer ist eigentlich „wir“?“, fragte ich.

Theodor lehnte sich zurück. „Habe ich doch schon gesagt. Nur ein loses Netzwerk von Betroffenen, die versuchen die Dinge aufzuklären.“

„Ja?“, murmelte ich.

„Stimmt etwas nicht?“ Er runzelte die Stirn.

„Nein, ich... ist schon in Ordnung. Was genau wollen sie also von mir?“

Er rückte näher heran. „Sie sind der Journalist.“, meinte er dann. „Stellen sie noch mehr Nachforschungen an, bringen sie Artikel, wir bringen ihnen Material. Tun sie etwas, ihrer Zeitung täte es auch gut.“

„Sie haben recht.“, gab ich zu.

„Gut, dann werde ich mich nun verabschieden.“, er erhob sich und gab mir die Hand. „Wir werden ihnen noch ein paar Sachen zuschicken. Sie brauchen ja Bestätigungen um einen Artikel schreiben zu können, oder?“

„Ja sicher. Auf Wiedersehen dann.“

„Auf Wiedersehen.“ Anton Theodor sammelte Hut und Mantel auf und verließ das Zimmer.

Irgendwie wusste ich trotz dieses aufschlussreichen Gesprächs nicht ganz, womit ich bei diesem Mann war.