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Tote Vögel


© für diesen Teil der Geschichte bei Felix M. Hummel unter www.bankhacker.de/felix und biosynthg08@gmx.net Machen sie was daraus!



Der Hausmeister ging in die Knie und beugte sich so über den mitleiderregenden Haufen aus Blut und Federn. Vierundzwanzig waren es diese Woche gewesen. Sicher war die Zahl im Durchschnitt immer um diesen Dreh herum, doch die letzten sieben Tage waren ihm die Vögel, die an den Scheiben ihr Ende fanden besonders aufgefallen und er hatte begonnen sie zu zählen. Das Seltsame war, dass diese nicht wie die anderen, die er in den fünfzehn Jahren, die er diese Arbeit schon an dieser Schule verrichtete, entsorgt hatte, still und unbemerkt nach einem dumpfen Zusammenstoß mit dem für sie unsichtbaren Hindernis auf den Balkonvorbauen verendeten, sondern sie kamen mit einem lauten Kreischen angeflogen, rammten die Fenster und stürzten dann, einen eindrucksvollen Blutfleck hinterlassend, mit weiterem Geschrei ab. Jedes Mal, wenn sich der Hausmeister dann zum Ort des Geschehens begab um die Spuren zu beseitigen, schien es ihm, als sei der Vogel, dem zertrümmerten Zustand seiner sterblichen Überreste nach, nach seinem Unfall nie und nimmer in der Lage gewesen auch nur einen Ton von sich zu geben, geschweige denn so markerschütternd zu Pfeifen. Es waren auch wahrlich keine besonderen Vögel, schienen sie doch nicht einmal von der selben Art zu sein: Es gab Amseln, verschiedenste Meisen, Tauben, Spatzen und einen Dompfaff. Vielleicht sollte er einmal mit einem der Biologielehrer reden, auch wenn er den Umgang mit dem Lehrkörper so gut es ging vermied. Im Gegensatz zu ihm schienen diese merkwürdigen Leute hier in der Schule zu Hause zu sein. Sie schritten durch die staubigen Gänge, ohne je um ein Hindernis, wie einen Schüler herumgehen zu müssen, immer ganz genau gerade aus. Niemand wich vor ihnen aus, auch, so Gott bewahre, gingen sie durch nichts hindurch, nein, es schien lediglich nie etwas in ihrem Weg zu sein. Des weiteren nahmen sie nie Notiz von dem Verfall, der in dem ganzen Gebäude herrschte. Sie taten nur dass, was man von Lehrern erwartete. Sie unterhielten sich in den Pausen über ihre Noten, unterrichteten, sorgten in den Gängen für Ordnung und verschanzten sich ansonsten in ihrem Lehrerzimmer. Keine dieser Personen kannte der Hausmeister persönlich. Nur einige wenige Male hatte er sich mit dem Rektor über kleinliche Reparaturen, wie einen verstopften Abfluss unterhalten, oder Anweisungen erhalten, dass er dies die Putzkolonne heute da oder dort nicht hinschicken sollte.

Seufzend schob er die rostige Kehrschaufel unter den Vogelkadaver, der auf dem kiesbestreuten Balkon lag und hob sie vorsichtig hoch. Er seufzte noch einmal tiefer, als er den schmalen, glitzernden Sprung in der blutverkrusteten Scheibe bemerkte. Er nahm seinen Weg, die schmale Granittreppe hinab, verließ im Erdgeschoss das Gebäude um den Vogelkadaver in einem Busch zu entsorgen und setzte dann den Marsch in den Keller fort.

Der Keller war noch seltsamer als der ganze Rest des Schulhauses, der Hausmeister hatte ihn nie gemocht. Dort gab es keinerlei Fenster und die nachten Glühbirnen, die von der Decke baumelten, schienen ihre eigene kleine schmutzig-orange Dunkelheit zu verbreiten. Auf dem Boden, den er noch nie mit einem fuß betreten hatte, lag etwa zwei Meter unterhalb des begehbaren Niveaus, welches aus Baugittern mit quietschenden Verankerungen gebildet wurde, sammelten sich schmierige rostrote Pfützen jeder Flüssigkeit, die unablässig aus den feuchten Wänden austrat. Rostige, verschlissene Boiler, Kessel, Heizöltanke und Wälder aus Rohrleitungen durchzogen die langen, korridorartigen Räume vom Erdboden bis zur vier Meter darüber liegenden Decke.

Der alte Mann schloss die Brandschutztüre auf und tauchte den ersten Boilerraum, durch das Betätigen das Lichtschalters, in ein weiches, aber nervös flackerndes, gelbes Licht, welches die kaum in all die finsteren Ecken und bis zum Boden vorzudringen vermochte. Wenn er so darüber nachdachte, dann hasste er diese Räumlichkeiten regelrecht. Das ständige Tropfen von der Decke, das garstige Flackern der Glühbirnen, die er erst gestern ausgewechselt hatte, die Dunkelheit, die Substanz zu haben schien und das ewige, unregelmäßige pochen, knarren und verrostete Rattern der teilweise undefinierbaren Apparaturen waren einfach unerträglich. Der Gedanke um bis zu den vorrätigen Fenstergläsern zu müssen, die im letzen der Räume aufbewahrt wurden, entlockte ihm ein einzelnes angewidertes Schütteln.

Aber, dachte er, als er die ersten Schritte, die ein knarrendes Echo warfen, in den Raum machte, vor was sollte er sich schon fürchten? Diese kindische Angst vor Kellern und vor allem vor diesem, welcher sicher noch nicht mehr als dreißig Jahre alt war, musste ein Vermächtnis seiner Kindheit sein, auch wenn er sich nicht daran erinnern konnte, woher es kommen sollte. Sich auf die Lippe beißend ging er weiter.

Nachdem er den ersten Raum hinter sich gebracht und durch die Tür zum zweiten getreten war, setzte die feuchte Hitze, die den Heizkesseln entströmte ein.