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Um den Turm...
© für diesen Teil der Geschichte bei Felix M. Hummel unter www.bankhacker.de/felix und biosynthg08@gmx.net Machen sie was daraus!
Um den Turm brannte es lichterloh. Flammen beleckten die massigen grauen Felsblöcke des rundes und bedeckten sie mit einer reinigenden Schicht Speichel von schwarzem Ruß. Das Holz der schweren Pforte ächzte als sein Jahrhunderte alter Leib langsam ein raub der heißen Lohe wurde. Doch oben, dort, im einzigen Fenster des heiß belagerten Söllers, flackerte aus einem anderen Grund noch Licht. Noch kein Funke und nur wenig Asche war bisher dort hinauf gedrungen.
In einem scharfen Halbkreis stand die Garde, ihre blanken Brustharnische im schein des Feuers schillernd, lange Bögen in der einen und je einen pechgetränkten Pfeil in der anderen Hand, auf einen weiteren Befehl wartend.
Hauptmann Heinrich Altgurnd hatte seinen Platz in der Mitte des Halbkreises eingenommen und blickte konzentriert auf das schmale Fenster, knapp unter dem schwarzen Schieferdach des Turmes. Es hätte nie so weit komme dürfen. Herzog Berniar hatte sich zu spät entschlossen etwas gegen diesen Sohn eines Dämonen zu tun. Nein, schon damals hätte man den fahrenden Schüler, der seine Dienste angeboten hatte, nicht auf die Burg lassen dürfen. Jetzt musste dem ganzen ein Ende gemacht werden, denn vielleicht war es noch nicht zu spät. Heinrich strich sich über seinen stoppeligen Bart. Er hätte in letzter Zeit wohl etwas mehr Schlaf gebrauchen können, er konnte sich nicht leisten einen weiteren Fehler zu machen. Entschlossen trat er an das Feuer vor, zog einen entflammten Prügel heraus und hob seinen Blick abermals zum Fenster.
„Hexer!“, brüllte er laut und durchdringend. „Hexer, deine Zeit ist gekommen, dein Dämonenloch steht in Flammen. Komm nun, ergebe dich und wir werden dir einen gnädigeren Tod gönnen, als ihn dir der Rote Hahn aufzwingen wird.“
Für einen Augenblick lag Totenstille über der gesamten Festung, sogar das Feuer schien im Prasseln Inne zu halten. Dann drang von oben herab das schauerlichste, trockenste Lachen, fast wie ein schriller Schrei doch voller Wahnsinn und garstiger Freude, zu den Kriegern und fuhr ihnen in Mark und Bein. Heinrich sah, wie einige schon ihre Bögen spannten und hielt sie mit ausgestreckter Hand zurück.
„Ah, ja, ja. Hauptmann Ratte!“, kreischte es aus dem Turm. „Du hältst mich doch wohl nicht für solch einen Narren, was? Las das Feuer nur eure Arbeit tun und kümmert euch nicht um meine. Wenn du schon den Bergfried einreißen willst, dann tue es zumindest ohne mich zu stören, Ratte!“ Wieder brach er in ein unmenschliches Lachen aus.
Das war genug, er hatte seine Chance gehabt. Der Hauptmann nickte seinen Soldaten zu, dreiundzwanzig Bögen spannten sich. Dann schritt er vor den Reihen entlang und entzündete dreiundzwanzig Pfeile. Ein kurzer Wink mit der Hand und dreiundzwanzig flammende Geschosse schwirrten, die Luft mit beißendem Qualm zerschneidend, durch die enge Scharte oben im Söller. Sofort donnerte ein so schreckliches Schmerzensgebrüll hervor, dass die Männer sich die Ohren zuhalten mussten und erschrocken abwandten. Zu spät wurde sich Heinrich seines Fehlers gewahr, denn schon erhellte ein gleißender, doch erholsam lautloser Blitz die stockfinstere Nacht. Dann schoss ein großer grauer Habicht aus dem Turmfenster, hinter ihm züngelte schon das Feuer. Heinrich angelte nach der Armbrust, die er auf dem Rücken trug, doch der Vogel war bereits hinter der nahen Burgmauer verschwunden.
Währenddessen brach das Dach des Bergfriedes unter der Gewalt des schwehlenden Feuers in sich zusammen und begrub Regale von Büchern, Tiegel, Kerzen und sonstige Utensilien in einer gigantischen Staubwolke unter sich. Der Hexer jedoch war verschwunden.
Altgund wischte sich den Staub aus den Augen, als sich die Sicht geklärt hatte. „Ruf den Priester.“, knurrte er matt zu dem jungen Korporal neben ihm. „Sag ihm, er soll hier alles Segnen und erzähle ihm was passiert ist. Ich muss den Herzog sprechen.“ Mit gesenktem Kopf trottete der Offizier quer über den Burghof durch die großen Toren, die in den Vorraum des Regentensaales führte.
Vorsichtig tat er dann das Flügerlportal, das zu der großen Halle führte auf, nahm seinen Helm ab und trat ein.
Der Herzog, saß wie der König persönlich auf seinem reich mit verschlungenen Steinmetzarbeiten geschmückten Thron, die Hände mit den schweren Goldringen über den feisten Bauch verschränkt, die kleinen, listigen Augen blickten über die Hängebacken hinweg auf den Besucher.
Heinrich brauchte sich nicht zu verbäugen, bei dieser Situation wäre eine solche Ehrerbietung nur eine Verschwendung von kostbarer Zeit gewesen. Außerdem, verzichtete auch der Herzog in diesen aufgewühlten Zeiten auf jedwede Form der Höfischen Kultur.
„Nun?“, fragte er mit einer gurgelnden Bassstimme. „Ist alles wie besprochen Abgelaufen? Ist er endgültig tot.“ Hoffnung war in seinem verschwitzten Gesicht zu erkennen.
Der Hauptmann kam, den Helm unter den Arm geklemmt, bedächtig auf den Sitz seines Herren zu. „Herr,“, sagte er. „Ach, es ist so gekommen wie er es uns bei seiner Ankunft damals vor fünf Wintern prophezeit hat: ‚Wie ein Habicht werde ich euch entfleuchen!“ So hat er einst gewettert. Nun habe ich verstanden, dass er es wörtlich meinte. Ich hoffe nur, den Sinn seiner übrigen Reden nicht erfassen zu müssen.“
Der Fürst richtete sich mühsam in seinen Kissen auf. „Du meinst also, dass er wie ein Fogel davon geflogen ist? Hattet ihr keine Pfeile bei euch mit denen ihr den vermaledeiten Dämon vom Himmel holen hättet können? Wissen die Götter, ich war immer von eurer Fähigkeit und Treue überzeugt, aber nun, nun wage ich daran zu zweifeln“, grollte er, seine Züge verhärteten sich.
„Herr, niemand war darauf gefasst, auch wenn ich, wie ihr es wolltet auf alles vorbereitet sein sollte. Die gespannte Armbrust hatte ich am Rücken, doch er ließ mir nicht einmal die Zeit den Bolzen einzulegen.“
Betrübt und verärgert stütze der Herzog sein unrasiertes Kinn auf seine Rechte. „Anscheinend hat dir dieser Fuchs einiges vor raus, doch ich denke nicht das wir noch einmal von ihm hören werden. Ich kenne sein Art, sie sind wie dir Ratten: Vertreibt man sie aus dem einen Schupfen, so ziehen sie unberührt zum nächsten weiter. Ich hoffe ich kann mich in Zukunft mehr auf euch verlassen und muss keine anderen Saiten aufziehen. Es würde mir Leid tun.“
„Aber mein Fürst!“, fiel Heinrich beschwichtigend ein. „Ich entschuldige mich ja vielmals, es hätte besser gehen können. Allerdings frage ich mich ob ihr die Sache lieber nicht auf die leichte Schulter nehmen solltet.“
Sein gegenüber schmunzelte nur freundlich. „Gräme dich nicht, Hauptmann, ich kenne Florian schon so lange, er wird keinen Ärger mehr machen.“
Heinrich verbeugte sich, drehte sich um und schritt die Halle hinunter auf eine kleinere Seitentür zu. Er wusste, dass der Herzog der Angelegenheit nicht genügend Respekt entgegen brachte, doch er war nicht in der Stellung ihm etwas entgegnen zu können. Der Hexer, Heinrich wusste genau, warum ihn Berinar Florian nannte, doch warscheinlich war es sein Name, war ganz sicher ein rachsüchtiger Mann. Er wusste noch, wie damals der alte Thomas eine seiner seltsamen Flaschen zerbrochen hatte. Kurze Zeit darauf war die einzige Kuh des alten Dieners krank geworden und eingegangen. Auch er selbst hatte das Ende des selben Jahres nicht erlebt. Hier war es nicht sicher, nicht mehr, denn wenn der Zauberer es auf jemanden abgesehen hatte, dann war es wohl er, der Priester, oder der Herzog. Er bezweifelte nicht, dass er genug Macht besaß um das ganze Herzogtum in Asche zu verwandeln, doch war dies auch nicht seine Art. Er war ein grausamer Mann, eher noch als ein Zorniger. Es gab nur eine Möglichkeit, die Altgrund in betracht ziehen konnte: Er musste fliehen, bevor ein Racheplan geschmiedet worden war. Am besten sagte er gleich seiner Miriam, seiner Verlobten, bescheid und...
Kaum wollte er nach der Türklinke greifen, da erschallte ein ohrenbetäubender Lärm hinter ihm, steinharte Schläge rissen ihn zu Boden und er verlor, auf den kalten Granitboden schlagend, beinahe die Besinnung.
Erst als sich der dicke Staub aus der Luft gelegt hatte, wagt er es sich zu bewegen. Vorsichtig zog er seine schmerzenden Glieder unter den Trümmern, die auf ich herabgestürzt waren. Als er hinter sich blickte merke er erst was er für ein Glück gehabt hatte: Nur einige kleine Steinsplitter hatten ihn von hinten getroffen, seine Rüstung zerschlagen und seine Haut aufgerissen, die großen Zyklopenblöcke jedoch hatten ihr Ziel verfehlt. In der massiven Holzdecke über ihm klaffte ein derart großes Loch, dass der Mond durch das ehemalige Dach leuchtete. Die Eichenbalcken, die einst den Fußboden des ersten Sockwerkes dargestellt hatten waren mit Wucht nach unten aus den Wänden gebrochen worden, so dass ein nicht unbeträchtlicher Teil der Wände umgerissen worden waren.
Langsam rappelte sich Heinrich auf und spähte über die aufgetürmten Mauerreste. Sie waren an der Stelle über die er sich beugte kraterförmig angeordnet, eine tiefe Furche war in den Boden gerissen. Doch was darin lag, war das was bis auf die Knochen erschrak: Eine, etwa einen Schritt große, fahle Kugel, strahlte ihm in einem kränklichen kalten Licht, welches aus ihr selbst zu kommen schien, entgegen. Sie war nicht so grell, als dass sie ihn geblendet hätte, dennoch war das grässliche Strahlen unerträglich für seine Augen und er wandte sich mit einem erschrockenen Schrei ab. Er wagte es nicht noch einmal in den garstigen Krater hinab zu blicken und schob sich vorsichtig, auf dem Bauch kriechend an dem Trichter vorbei auf die Mitte des Saales zu. Als er aufschaute traf es ihn wie ein Donnerkeil: Der Herzog war verschwunden.
Mit einem Satz sprang er auf und hastete nach vorne zu dem steinernen Sitz, blickte umher, hinter den Thron und hob sogar den schweren Teppich an dessen Rückseite an um eine womöglich eine der geheimen Fluchttüren, die eine früherer Regent hatte einbauen lassen, aufzuspüren. Erfolglos.
Mit einem Mal stürmte der Rest der Wache zusammen mit dem Priester, die wohl das Getöse der einstürzenden Decke vernommen haben mussten, zur Tür hinein.
„Hauptmann, was?“, presste der Geistliche schreckenserfüllt hervor, während er mit zittrigem Finger auf die geisterhafte Kugel deutete. Die Soldaten hinter ihm hatten sich zum größten Teil wieder zur Tür hinaus geschoben. Nicht, dass sie feige gewesen wären, doch die meisten hatten auch Verstand.
Beinahe hysterisch betastete Heinrich immernoch die Wand hinter dem Thron. „Der Herzog ist verschwunden, nachdem dies aus dem Himmel fiel. Gibt es hier einen Fluchttunnel?“
Der Priester hetzte den Saal zu ihm hinauf. „Nein Altgrund, keinen, der... Doch aber der ist bis auf die Hälfte hin mit Wasser geflutet, der Gang wird als Brunnen genutzt.“ Mit diesen Worten fuhr der Priester mit seinen Fingerspitzen konzentriert über einige der kalten Steinblöcke hinweg, bis er schließlich einen davon tief in die Wand hinein schob. Dabei war ein metallisches Klicken zu hören und ein besonders großer, rechteckiger Felsbloch, etwa einen halben Schritt über dem Boden schwang nach innen in ein düsteres Loch hinein.
„Holt mir eine Fackel, ich gehe hinein.“, brüllte der Hauptmann und wandte sich dann gegen das Loch: „Herzog? Hört ihr mich?“ Er erhielt keine Antwort. „Wisst ihr Priester Credor, ich glaube es ist ohne Hoffnung: Der Herzog hätte sich nie so schnell dort hin Flüchten können.“, meinte er seufzend.
„Sucht.“, antwortete der Gottesmann und schüttelte den Kopf. „Ist er nicht dort, fürchte ich, dass wir ihn nie wieder sehen werden.“
„Da mögt ihr, so sehr ich dies auch befürchte, Recht haben.“
Inzwischen war ein Wächter mit der Fackel angekommen und überreichte sie Heinrich. Dieser schnallte seinen Brustharnisch ab und ließ ihn scheppernd zu Boden fallen. Dann setzte er vorsichtig ein Bein in den dunklen Schlund und zog seinen Körper durch die enge Öffnung.
Im Schein der Fackel konnte er einen niedrigen, vermoderten Gang erkennen. Feuchter Schimmel und leuchtendes Moos hingen von Wänden und Decke, währen der Boden vom Wasser sauber gewaschen war. Die Luft stand feucht und beißend klamm.
Langsam schob sich Heinrich vorwärts. Er glaubte nicht wirklich, dass der Herzog hier her geflohen war, doch es war die einzige Hoffnung die er vorweisen konnte. Andererseits flößte ihm dieser Schacht eine nie gekannte Angst ein, so dass er fast betete, hinter der nächsten Biegung sei eine Sackgasse in der womöglich noch sein Fürst wartete.
Bebend schob er sich vorwärts um eben diese nächste Biegen und konnte einen seiner Wünsche als erfüllt ansehen: Hier fiel der Fluchttunnel in einigen Stufen steil ab. Als er näher trat konnte er sehen, wie Wasser ihm tausend Reflexionen seiner Fackel zurück warf. Das Brunnenwasser, wie der Priester schon gesagt hatte.
Der Hauptmann seufzte tief und wollte schon mit seiner bösen Gewissheit zu den anderen zurückkehren, als ihm ein kleiner Gegenstand ins Auge fiel, der auf dem Wasser schwamm. Er vermutete eine tote Ratte und bückte sich um sie zu entfernen, hätte sie doch das gesamte Reservoir verseuchen können. Doch als er näher trat konnte er erkennen, dass es sich um einen Schuh handelte.
Augenblicklich schlug er beide Hände vor den Mund um einen Schrei zu unterdrücken. Die Fackel fiel pochend auf den Boden, ihr Schein würde schwächer.